Im Projekt: Prosoya Yanachaga

40 Kinder, 20 Arbeiter, 3 deutsche Freiwillige und eimerweise Honig

Leben und Arbeiten mitten im peruanischen Bergurwald


weltwärts
gehen – direkt in die Urwaldregion von Peru: Die drei deutschen Freiwilligen Max, Rebecca und Martin haben es gewagt. Wie dort die Ausbildung zum Schreiner, Imker oder Schlosser peruanischen Schülern neue Perspektiven eröffnet und warum es mit dem Geldverdienen im Projekt eher schleppend läuft.

Die Umgebung von Prosoya Yanachaga im peruanischen Bergurwald (Quelle: Max Reinhold)

Es ist früher Morgen in Prosoya, dem „PROgrama SOcial YAnachaga“. Der Nebel hängt noch dicht im Tal unterhalb des Projektgeländes. An manchen Tagen verzieht er sich gar nicht. Friedlich schmiegen sich die weißen Häuser mit den blauen Geländern und Fensterläden an den Berghang. Heute ist es vergleichsweise ruhig, nur einige der Schüler von Prosoya laufen zwischen den Werkstätten hin und her. Weil Schulferien sind, haben viele von ihnen die Gelegenheit genutzt und sind zu ihren Familien in den umliegenden Dörfern gefahren. Die deutschen weltwärts-Freiwilligen Martin, Max und Rebecca sind schon auf den Beinen. Ihr Plan für heute steht: Direkt nach dem Frühstück macht sich Max auf den Weg zu den Bienenstöcken, Rebecca hilft in der Küche und Martin will ein Eisengerüst in den Boden einbetonieren.

Eine Zukunft für die Chancenlosen

In dem sozialen Projekt, wo die Freiwilligen seit über einem halben Jahr mitarbeiten, leben rund 40 peruanische Jungen, die aus ärmsten Familienverhältnissen stammen – sie erhalten hier Unterkunft und Verpflegung und werden in verschiedenen Werkstätten berufsvorbereitend ausgebildet. Zusätzlich besuchen sie im nahegelegenen Dorf Huancabamba die Sekundarschule. Armut, Hunger, fehlende Hygiene und schlechte Bildung: Viele Kinder kennen kein anderes Leben als das in den Elendsvierteln von Peru. Für sie soll Prosoya eine neue Lebensperspektive schaffen, durch Bildung und das Zusammenleben in einem geschützten Umfeld. Hier werden sie zum Beispiel in der Schlosserei und Bäckerei, in der Imkerei oder Schreinerei unterrichtet. Auch landwirtschaftliches Arbeiten gehört zum Programm. „Prosoya hat mit den verschiedenen Werkstätten schon viele Möglichkeiten, um die Jugendlichen weiterzubringen“, findet der 19-jährige Martin Schlegel. Weil zum weitläufigen Gelände auch Wald- und Weideflächen gehören, bilden die Wiederaufforstung und Viehzucht weitere Schwerpunkte des Hilfsprojekts.

Die weißgetünchten Häuser von Prosoya schmiegen sich an den Berghang (Quelle: Max Reinhold)

Während Max seinen Rucksack packt, um sich auf den Weg zu den Bienenstöcken auf dem Berg zu machen, schlendern Martin und Rebecca über die Wiese zum Haupthaus. Dabei muss Martin eigentlich in die entgegengesetzte Richtung: Hinter einer der Werkstätten, nahe des Basketballplatzes, soll er ein Loch im Boden ausheben, um eine schwere Eisenkonstruktion darin zu versenken. „Das kann jetzt locker bis zum Mittagessen dauern“, sagt er und lässt seinen Blick über die Wiese schweifen. Ein paar der Hunde von Prosoya liegen matt im Gras und heben nur kurz die Köpfe, als die beiden Freiwilligen in ihrer Nähe stehenbleiben. „Wir haben viele Hunde hier und noch mehr Katzen – natürlich alle voller Flöhe“, sagt Martin und lacht. Die Tiere ernähren sich hauptsächlich von den Resten, die in der Küche für sie abfallen. „Hier hieß es schon öfter, wir sollten mal eine Katzensuppe machen“, fügt die 18-jährige Rebecca Liedtke trocken hinzu. „Aber das ist natürlich nur ein Witz!“

“Es ist hier nicht so hinterwäldlerisch, wie man denkt!”

Tiere und Menschen haben in Prosoya reichlich Platz. Die Hazienda liegt etwa 1800 Meter hoch am Rande eines mächtigen Gebirgszugs, dem Nationalpark Yanachaga Chemillién. Dieser ist bis heute kaum erschlossen und dicht mit Primärurwald bewachsen. Mitten durch das 700 Hektar große Projektgebiet fließt der Fluss Yanachaga und versorgt es mit klarem, kühlen Wasser. Praktisch, nicht nur für die Stromversorgung des Projekts: „Es ist hier nicht so hinterwäldlerisch, wie man vielleicht denkt“, sagt Rebecca,  „obwohl wir so weit draußen wohnen, gibt es so gut wie nie Stromausfälle, weil wir mit zwei Generatoren unseren eigenen Strom erzeugen können.“ Die direkte Wasserquelle wird auch in der Tierzucht eingesetzt. „Wir nutzen das Wasser zum Beispiel für die Forellenzucht“, erklärt der 20-jährige Max Reinhold, „dafür ist hier einer der Arbeiter zuständig – wir nennen ihn nur die Trutscha, also die Forelle.“ Neben den jungen Männern, die in Prosoya aufgenommen werden, gehören auch fast 20 Arbeitskräfte zum Projekt – sie übernehmen den Unterricht in den Werkstätten sowie die pädagogische Betreuung und Versorgung der Bewohner.

Die Freiwilligen arbeiten in verschiedenen Werkstätten. Hier: Martin in der Mechanica (Quelle: Max Reinhold)

„Hier kommt die Hilfe wirklich an“, sagt Martin. Wichtig findet er vor allem, dass die Jugendlichen mit den Mitteln arbeiten, die ihnen in der ländlichen Umgebung zur Verfügung stehen. „Wichtig ist, auf dem Land anzufangen und nicht in der Stadt – hier wird den jungen Leuten beigebracht, wie sie in ihrem jetzigen Lebensumfeld nachhaltig arbeiten können.“ Auch die drei Freiwilligen aus Deutschland packen kräftig mit an. Jeder von ihnen ist für bestimmte Aufgaben und Arbeitsfelder zuständig: Max arbeitet als Imker bei den Bienen des Projekts und in der Tischlerei, während sich Martin in der sogenannten Mechanica, der Schlosserei, einen Ruf als Technikexperte gemacht hat. Rebecca hilft regelmäßig im kleinen Hotel von Prosoya und in der Tischlerei mit. Max sagt: „Mit den Jungs selbst könnten wir schon noch mehr machen, aber was die Arbeit angeht, können wir uns hier schon sehr austoben.“

Mit der Hilfe zur Selbsthilfe hapert es

Obwohl sie sich in Peru gut eingelebt haben und sich im Projekt wohlfühlen, finden die drei Deutschen durchaus kritische Worte für die Arbeitsabläufe und Effizienz von Prosoya. „Das Geld für das Projekt kommt zu 90 Prozent aus Deutschland“, erklärt Max, „der Verein Peru Aktion sammelt Spenden, die alles hier am Laufen halten.“ Prinzipiell ein gängiges Konzept. Doch Hilfe zur Selbsthilfe ist das kaum noch – denn ohne die Finanzierung aus Deutschland könnte Prosoya sich wohl nicht über Wasser halten, befürchten die Freiwilligen. Dabei deckt das, was in den Werkstätten und der Landwirtschaft erzeugt wird, nicht nur den Eigenbedarf, sondern wirft zum Teil größere Erträge ab. Könnte man also daraus nicht Gewinn erwirtschaften? „Früher wurde hier vor Ort noch mehr gemacht, um Geld reinzukriegen“, erzählt Max weiter, „zum Beispiel wurden Brötchen aus unserer Bäckerei runter ins Dorf verkauft – aber vor ein paar Monaten ist das eingestellt worden.“ Den Grund – das Projekt verfüge nicht mehr über ein eigenes Auto – kann er nicht nachvollziehen: „Zum Dorf braucht man zu Fuß doch nur 20 Minuten.“

Zwei Schüler von Prosoya bei der Honig-Gewinnung (Quelle: Max Reinhold)

Auch an anderen Stellen bleibe Prosoya unter seinen Möglichkeiten. „Hier wird immer viel erzählt, Ideen vorgestellt und am Ende passiert doch wieder nichts“, ärgert sich der 20-Jährige. „Wir haben zum Beispiel einen Laden in Oxapampa aufgemacht, um dort frisches Gemüse und Honig zu verkaufen – seit drei Monaten tut sich da rein gar nichts.“ Oxapampa, die nächste größere Ortschaft mit rund 12.000 Einwohnern, liegt eine gute Autostunde vom Dorf Huancabamba und dem Projekt entfernt. „Aber die Produkte könnte man auch mit dem Collectivo, also dem Sammeltaxi, dorthin transportieren.“ Auch Rebecca ist kritisch: „weltwärts kontrolliert ja nur die Abrechnungen und Pläne der Organisation in Deutschland, also welche Gelder hierher ins Projekt gehen – aber die Abläufe vor Ort können sie eben nicht überprüfen.“ So kommt es, dass der zähflüssige Bienenhonig, den die Imker dank der 90 Bienenvölker von Prosoya gewinnen, in großen Eimern in einer Abstellkammer herumsteht. „Wir produzieren ihn und dann steht der hier monatelang rum, weil wir im Projekt gar nicht so viel Honig verbrauchen. Alles, was über den Eigenbedarf hinausgeht, könnten wir also super verkaufen – Abnehmer gäbe es.“ Max zuckt unwillig die Schultern.

Das pädagogische Konzept geht auf

Für ihre letzten Monate in Peru hoffen die drei Deutschen deshalb, dass sich das eine oder andere Kleinprojekt noch verwirklichen lässt. Sie sind sich einig: Das pädagogische Konzept von Prosoya geht trotz der wirtschaftlichen Schwächen auf. Die Jugendlichen leben jeweils zu acht mit ihren peruanischen Betreuern in Familiengruppen zusammen in den Wohnhäusern der Hazienda. Sie erledigen häusliche Arbeiten, pflegen die Anlage und versorgen die Tiere oder helfen in der Küche. Dank der Werkstätten können sie ihre eigenen Talente und Fähigkeiten ausbauen, die ihnen in ihrem späteren beruflichen und familiären Leben helfen – sie überwinden so die Armut, aus der sie kommen. Nachdem sie die Sekundarschule in Huancabamba abgeschlossen haben, wohnen sie noch für ein weiteres Jahr im Projekt und spezialisieren sich in zwei praktischen Fächern. Nach Abschluss ihrer Ausbildung wird ihnen nahegelegt, in ihrem ländlichen Umfeld zu bleiben und ihr Glück nicht in einer Großstadt, wie dem zehn Busstunden entfernten Lima, zu suchen.

Die Schüler von Prosoya bei der Agricultura, der Feldarbeit (Quelle: Max Reinhold)

Obwohl Max, Martin und Rebecca alle ihren Freiwilligendienst im selben weltwärts-Projekt leisten, macht jeder von ihnen in Peru seine ganz eigenen Erfahrungen. Deshalb hat frei-raus die drei einzeln begleitet und sich ihren Alltag in Prosoya hautnah zeigen lassen. Mehr dazu hier: Erfahrungen von Max, Erfahrungen von Martin, Erfahrungen von Rebecca.

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Hier erhalten Sie detaillierte Informationen zum Projekt Prosoya Yanachaga:

  • die offizielle Website der deutschen Entsendeorganisation bietet Ihnen auch ein ausführliches Video zu Prosoya.
  • Prosoya Yanachaga finden Sie auch auf Facebook.

Max, Rebecca und Martin in Peru
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Max, Rebecca und Martin in Peru

 

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