Über weltwärts

weltwärts gehen – was heißt das eigentlich?

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des BMZ


Seit 2008 verspricht das weltwärts-Programm mehr Freiwilligenplätze im Ausland, bessere Finanzierungsmöglichkeiten und geregelte Qualitätsstandards. Was möchte weltwärts erreichen, worauf sollte man als angehender Freiwilliger achten und welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden?

Infografik zur Zahl der entsendeten Freiwilligen 2008 - 2011 (Quelle: Kim Horbach)

Viele junge Menschen zieht es jedes Jahr ins Ausland – immer mehr von ihnen auch zum längerfristigen Helfen und Arbeiten in Entwicklungsländer. Ob Betreuung von Waisenkindern in Indien, Häuser renovieren in Afrika oder Wälder aufforsten in Mexiko – die möglichen Einsatzplätze der verschiedenen Freiwilligendienste sind vielfältig und gefragt. Für manch einen scheiterte in der Vergangenheit jedoch der Traum vom Auslandseinsatz entweder an den begrenzten Plätzen oder an der Hürde der Finanzierung.

Auch aus diesen Gründen wurde im Jahr 2008 der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen. Im Rahmen des weltwärts-Programms soll Jugendlichen und jungen Erwachsenen ermöglicht werden, sich sozial im Ausland zu engagieren. Junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren können – mit finanzieller Förderung des BMZ – für sechs bis 24 Monate in Schwellen- und Entwicklungsländer reisen, dort leben und in ausgewählten Projekten mitarbeiten.

„Lernen durch tatkräftiges Helfen“

Eine weltwärts-Mitarbeiterin erklärt, worum es bei dem Programm geht: „Das Engagement für Entwicklungszusammenarbeit in unserer Gesellschaft  soll gestärkt werden. weltwärts gibt jungen Menschen dazu wichtige Impulse – sie erhalten die Möglichkeit, für längere Zeit in ein Entwicklungsland zu gehen und dort zu sehen: Wie leben die Menschen dort, wie ist ihre Kultur und wie hängen ihre Lebensumstände wiederum mit unserem Verhalten in Deutschland zusammen?“ Das Motto von weltwärts lautet „Lernen durch tatkräftiges Helfen“. Der Dienst sei in erster Linie ein entwicklungspolitischer Lerndienst: „Das bedeutet, dass die Freiwilligen nicht nur für sich selbst wichtige Erfahrungen machen und lernen, sondern dass sie auch einen Beitrag in ihren Gastländern leisten.“ Den Projektpartnern soll der Einsatz im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe zugutekommen.

Wie weltwärts funktioniert, zeigt dieses Schaubild (Quelle: Kim Horbach)

Wie es funktioniert

weltwärts wird vom BMZ gefördert und von über 240 gemeinnützigen Organisationen und Vereinen durchgeführt, die je nach Größe unterschiedlich viele Freiwillige in ihre ausländischen Partnerprojekte entsenden. Diese sogenannten Entsendeorganisationen mussten sich zunächst von weltwärts anerkennen lassen, also bestimmte Richtlinien und Qualitätsansprüche erfüllen. Darüber hinaus muss jede Organisation regelmäßig ihre geplanten Einsatzplätze für die Freiwilligen bei weltwärts beantragen und bewilligen lassen. Für die Verwaltung des Dienstes ist das sogenannte weltwärts-Sekretariat verantwortlich, das auch Organisationen und Freiwillige beratend unterstützt.

Interessierte bewerben sich direkt bei der Entsendeorganisation, deren Projekte und Einsatzländer sie ansprechend finden. Diese sind in der Projektbörse von weltwärts zu finden. Die Auswahl der Freiwilligen liegt dann allein bei diesen Vereinen und wird von weltwärts nicht kontrolliert. „Es gibt feste Regularien wie Alter, Aufenthaltsberechtigung und so weiter, die eingehalten werden müssen“, heißt es von weltwärts-Seite, „aber dass weitere Voraussetzungen wie zum Beispiel Sprachkenntnisse vorhanden sind, liegt ja auch im Eigeninteresse der Organisationen. Sie brauchen Freiwillige, die sich gut in den Partnerprojekten einbringen können, und überprüfen deshalb auch solche Vorkenntnisse.“ Die Voraussetzungen für eine weltwärts-Bewerbung im Überblick gibt es hier:

Übersicht der allgemeinen weltwärts-Voraussetzungen (Quelle: Kim Horbach)

 
Chancengleichheit dank Finanzierungshilfen?

„Neu an weltwärts ist, dass durch die finanzielle Förderung des BMZ junge Leute – egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht, welchem sozialen Hintergrund und aus welchen finanziellen Verhältnissen sie kommen – an diesem Programm teilnehmen können“, erklärt die weltwärts-Mitarbeiterin. Bis zu 75 Prozent der Einsatzkosten werden vom BMZ übernommen – das entspricht bis zu 580 Euro pro Kopf und Monat. Die restlichen 25 Prozent trägt die jeweilige Entsendeorganisation. Die Kosten setzen sich aus Reise-, Seminar- und Verpflegungskosten zusammen, aber auch Versicherungen und ein Taschengeld für die Freiwilligen fallen darunter.

Obwohl das Programm durch die Förderung auch finanziell und gesellschaftlich schwächer Gestellten offenstehen soll, hat sich in den vergangenen Jahren bereits gezeigt, dass die überwältigende Mehrheit der weltwärts-Freiwilligen (97 Prozent) nach wie vor aus deutschen Abiturienten besteht. Dies ergab die Evaluierung des weltwärts-Dienstes, deren Ergebnisse Ende 2011 vom BMZ veröffentlicht wurden (mehr dazu hier: Kritik an weltwärts).

Das weltwärts-Projekt Prosoya Yanachaga in Peru (Quelle: Max Reinhold)

Vorarbeit durch Spendenkreise

Trotzdem bietet diese Art der finanziellen Unterstützung vielen jungen Menschen eine Chance zu entwicklungspolitischer Auslandsarbeit, die sie sonst nicht hätten. „Im Vergleich zu anderen Freiwilligendiensten entstehen für die Teilnehmer bei weltwärts im Prinzip keine Kosten“, sagt die weltwärts-Mitarbeiterin weiter. „Weil die betreuende Organisation dann allerdings immer noch 25 Prozent des Dienstes finanzieren muss, darf sie ihre Freiwilligen im Vorfeld dazu auffordern, einen Teil zur Finanzierung beizutragen.“

Da die meisten gemeinnützigen Organisationen ihre Einsatzplätze nicht vollständig aus Eigenmitteln stemmen können, sind sie auf Spenden angewiesen. „Es ist üblich, dass die Freiwilligen da mithelfen. Die Organisation kann sagen: Hör mal, ein Viertel der Kosten müssen wir für dich aufbringen – kannst du nicht einen Unterstützerkreis aufbauen oder Spendenaktionen veranstalten?“ Neben dem Aspekt der Finanzierung dient eine derartige Vorarbeit seitens der angehenden Freiwilligen für viele Organisationen zudem als Zeichen des Engagements. „Aber selbst wenn der Freiwillige nicht zur Finanzierung beiträgt, darf seine Entsendung nicht davon abhängig gemacht werden. Die Organisation darf also nicht sagen: Tut uns leid, wir können dich nicht losschicken.“ Die Erwartungshaltung der Organisationen gegenüber den Freiwilligen ist allerdings klar: Engagement und Mitarbeit sind ausdrücklich gefordert.

Gegen den Kulturschock: gut vorbereitet in Entwicklungsländer

Nicht nur das Sammeln von Spenden und Aufbauen von Unterstützerkreisen gehört zur Vorbereitung des weltwärts-Dienstes. Einen weiteren wichtigen Bestandteil bilden die Vorbereitungsseminare, die von den Organisationen veranstaltet werden. Diese sind in der weltwärts-Richtlinie verpflichtend vorgesehen. „Es gibt 25 Seminartage“, erklärt die weltwärts-Mitarbeiterin, „neben den Vorbereitungstagen findet auch ein Begleitseminar während des Aufenthaltes und ein Nachbereitungsseminar nach der Rückkehr statt.“ Ein Mentor soll den Freiwilligen während ihres gesamten Auslandsjahres als Ansprechpartner zur Seite stehen.

Pädagogische Begleitung - auch während des Auslandsaufenthaltes (Quelle: Max Reinhold)

Diese fachlich-pädagogische Begleitung sei bei weltwärts intensiver als bei anderen Freiwilligendiensten. Globales Lernen spiele eine sehr große Rolle und der Lernprozess müsse begleitet werden. „Wenn ein 19-Jähriger direkt nach dem Abi nach Indien in ein Waisenprojekt reist, hochmotiviert dort ankommt und dann feststellt, dass ein Mitarbeiter ständig zu spät kommt und der nächste seine Privatsachen erledigt, dann verfestigen sich womöglich Vorurteile und Stereotypen.“ Die Freiwilligen lernen in den Vorbereitungsseminaren zunächst einmal, die „kulturelle Brille abzunehmen“ und ohne Wertung an ihren Auslandseinsatz heranzugehen. „Viele Entsendeorganisationen sprechen in den Seminaren Fragen an wie: Mit welchen kulturellen Unterschieden muss ich rechnen und wie gehe ich in meiner Berichterstattung mit Text und Fotos um – zeige ich nur exotische Bilder oder auch, dass es in Indien sehr wohl Hochhäuser und Modernität gibt?“

Auch formale Fragen werden hier geklärt – wie die Ausreise funktioniert, wann das Visum beantragt werden muss und welche Impfungen im Gastland gebraucht werden. Sprachliche Vorbereitung ist ebenfalls häufig Teil dieser Aufklärung: „Wenn ich als Freiwilliger nach Vietnam reise, dann sollte ich schon ein paar Worte Vietnamesisch sprechen können – nur mit Englisch wird es dort wahrscheinlich schwer sein, sich zu integrieren.“

Hoffnung auf nachhaltiges Engagement

weltwärts verfolgt nicht nur klare Entwicklungsziele für die Partnerländer, sondern möchte auch Effekte in der eigenen Gesellschaft erreichen: Der weltwärts-Dienst soll bei den Freiwilligen als Auslöser wirken, sich nach der Rückkehr in Deutschland weiterhin sozial und entwicklungspolitisch zu engagieren. „Die jungen Leute sollen sich auch nach ihrem Auslandsdienst aktiv einsetzen, zum Beispiel für Kampagnen oder Initiativen. Auch wichtig ist, dass sie ein globales Bewusstsein entwickeln und sagen: Ich ändere mein Verhalten und mache jetzt nicht mehr A, sondern B.“ Wer aus dem Ausland konkrete Ideen mitbringt, kann für seine Rückkehrarbeit inzwischen sogar Fördergelder bei weltwärts beantragen. Die Rückkehrarbeit soll – wie etwa die Rückkehrer-Konferenz „Undjetzt?!“ – zur Vernetzung ehemaliger Freiwilliger und zu deren Zusammenarbeit beitragen.

Die Einsatzbereiche der weltwärts-Projekte sind vielfältig (Quelle: Kim Horbach)


Bisherige Bilanz: durchwachsen

Von 2008 bis 2011 sind insgesamt rund 13.110 Freiwillige weltwärts gegangen. Die meisten weltwärts-Einsätze haben laut Evaluationsbericht bisher in Lateinamerika stattgefunden (ca. 42 Prozent), aber auch in Afrika (ca. 37 Prozent) und Asien (ca. 20 Prozent) finden sich viele Projektplätze. Entsendungen nach Ozeanien oder Osteuropa gab es hingegen nur in sehr geringem Umfang (1,3 Prozent). Durchschnittlich dauert ein Freiwilligendienst zwischen elf und zwölf Monaten, das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt bei 20 Jahren. Der Dienst ist besonders bei jungen Frauen beliebt. In den Jahren 2008 bis 2010 hat das BMZ weltwärts mit rund 84 Millionen Euro gefördert. Auf wiederholte Nachfrage gab es vom weltwärts-Sekretariat leider keine weiteren Informationen zur Fördersumme der einzelnen Jahre bis 2012.

Bereits in der Anfangsphase im Jahr 2008 war das weltwärts-Programm auf viel Kritik seitens Entwicklungsexperten gestoßen – diese hatten unter anderem den falschen Konzeptansatz bemängelt – weltwärts sei kein „entwicklungspolitischer Dienst“. Auch der im November 2011 veröffentlichte Evaluierungsbericht des BMZ deutet auf weiteres Verbesserungspotenzial hin, etwa was die Erreichung von Zielgruppen und die pädagogische Begleitung der Freiwilligen betrifft. In Bezug auf die finanzielle Förderung des Programms, die sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert hat, wurde ebenfalls Kritik geübt. Mehr dazu hier: Kritik an weltwärts.

Hier erleben Sie die Reportage aus Prosoya Yanachaga, einem sozialen weltwärts-Projekt im Bergurwald von Peru – über den Alltag der drei Freiwilligen inklusive Video.

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Wenn Sie mehr über weltwärts erfahren möchten, können Sie sich hier schlau machen:

  • Detaillierte Informationen sowie die Projektbörse zu weltwärts finden Sie auf www.weltwaerts.de.
  • Die Kurzfassung des Evaluierungsberichts von weltwärts gibt es hier zum Download.
  • Über die neuesten Entwicklungen rund um weltwärts – auch kritisch beleuchtet – lesen Sie auf dem inoffiziellen weltwärts-Blog.
  • Wer Blogs von weltwärts-Freiwilligen sucht oder direkt Kontakt zu Freiwilligen aufnehmen  will, kann das über das neue weltwärts-Netzwerk.
  • Einen ausführlichen Radiobeitrag rund um mehrere weltwärts-Freiwillige können Sie online nachhören – auf der Webseite von WDR 5.
  • Eurodesk hat dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des BMZ eine ganze Videosendung (12 Min.) gewidmet.
  • Hier finden Sie auch eine Video-Reflektion zu weltwärts-Projekten des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Südafrika.

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