Erfahrungen von Martin

„Die Menschen sind das Wichtigste“

Martin Schlegel (19) über seine Erlebnisse als Freiwilliger in Prosoya


Metall schweißen, Eisenkonstruktionen entwerfen oder das Internet zum Laufen bringen: Martin Schlegel ist in seinem weltwärts-Projekt Ansprechpartner Nummer 1 in Technikfragen.  Und baut ganz nebenbei jede Menge Muskeln auf.

Schweißtreibende Arbeit: Martin hebt ein Loch aus (Quelle: Kim Horbach)

Martin steht hinter dem Haus und buddelt ein Loch. Mit routinierten Griffen führt er die zangenförmige Schippe und hebelt schlammige Erde auf einen Haufen zu seinen Füßen. Rein – raus – fallenlassen, rein – raus – fallenlassen. Obwohl die Sonne durch die neblige Wolkendecke kaum zu sehen ist, wischt er sich in regelmäßigen Abständen den Schweiß von Stirn und Oberlippe. Dann fährt er mit der Hand durch seine dichte Lockenmatte. „Das Loch muss richtig tief werden“, erklärt der 19-Jährige. „Da soll ein Eisengerüst drin versenkt und einzementiert werden, das ich in der Mechanica gebaut habe.“

Metall und das leidige Internet

Die Mechanica ist eine von insgesamt sechs Werkstätten in Prosoya Yanachaga – und längst Martins Spezialgebiet. Nachdem er und die beiden anderen Freiwilligen, Rebecca und Max, in ihren ersten Wochen im Projekt alle Arbeitsplätze und Werkstätten im Wechsel kennengelernt hatten, entschied sich Martin für die Arbeit hier. „Es geht dabei nicht nur um Schlosserarbeiten und das Werkeln mit Metall, eigentlich fallen sämtliche technische Arbeiten darunter.“ Dazu gehört auch das Internet, das im Projekt meist eher schlecht als recht funktioniert. „Demnächst wollen wir hier wieder eine ordentliche Verbindung haben. Eigentlich muss dafür nur eine Antenne konfiguriert werden – dummerweise will die sich bisher aber nicht konfigurieren lassen, so wie ich das will“, sagt Martin lachend und widmet sich wieder seiner aktuellen Aufgabe, dem Loch im Boden vor dem Basketballplatz.

Martin: "Ich kann Bedarf und Kosten oft besser kalkulieren." (Quelle: Kim Horbach)

„Mit der Verlässlichkeit ist das hier so eine Sache…“

Bis zum Mittagessen ist der Deutsche mit Buddeln beschäftigt – auch, weil sich der ihm zugeteilte peruanische Arbeiter nicht wie abgesprochen mit dem Zement blicken lässt. Martin nimmt’s gelassen: „Mit der Verlässlichkeit ist das hier so eine Sache. Pünktlichkeit, wie wir sie aus Deutschland kennen, ist echt eine Seltenheit. Daran musste ich mich natürlich erst mal gewöhnen.“ Was strukturiertes und effizientes Arbeiten angeht, könnten die Peruaner im Projekt auch von den Freiwilligen aus Deutschland eine Menge lernen. Davon erzählt Martin beim Mittagessen, während er hungrig mehrere Portionen Reis, Fleisch und Gemüse verschlingt: „Generell ist es inzwischen so, dass mir die Arbeiter vor allem die Planung von neuen Projekten überlassen. So war es jetzt auch bei dem Eisengerüst für den Basketballplatz – das habe ich komplett selbst geplant, gebaut und lackiert“, erklärt er kauend. „Gerade, was den realistischen Bedarf und die Kosten angeht, kann ich da oft besser kalkulieren als sie.“ Nicht so sicher wie bei den mathematischen Berechnungen war er sich am Anfang bei der Verständigung: „Ich hatte zwar drei Jahre Spanischunterricht in der Schule, aber dort lernt man natürlich nicht, was Lötkolben oder Stacheldraht auf Spanisch heißt.“

Die Arbeit des jungen Deutschen ist körperlich anstrengend, geht von morgens um acht Uhr bis abends gegen sechs. Bleibt da überhaupt noch Freizeit? „Übermäßig viel Zeit bleibt unter der Woche meist nicht“, gibt Martin zu, „und einen großen Teil davon verbringe ich tatsächlich auch mit Schlafen, weil die Arbeit schon hart ist. Da unser Projekt hier ziemlich abgelegen ist, haben wir auch nicht wirklich viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen – deswegen lese ich viel oder spiele Gitarre. Ab und zu schauen wir uns aber auch mit den Kindern und den Arbeitern einen Film an.“

Zuhause auf Zeit: Prosoya Yanachaga (Quelle: Kim Horbach)

„Heute kann ich wirklich überall schlafen!“

 Während sich ihre Teller leeren, besprechen Martin und Rebecca ihre Planung für das Wochenende. Wie immer wollen sie mit dem Collectivo vom Dorf in die nächstgelegene Stadt fahren, nach Oxapampa. Das Collectivo, eine Art südamerikanisches Sammeltaxi, ist das meistgenutzte Fortbewegungsmittel hier, denn der Großteil der Einheimischen besitzen kein eigenes Auto. Auch deshalb quetschen sich regelmäßig bis zu zehn Mann in einem Collectivo, selbst der Kofferraum ist immer voll besetzt. „Am Anfang war das noch abenteuerlich, auf der Schlaglochpiste nach Oxa”, erinnert sich Martin grinsend, „aber heute kann ich wirklich überall schlafen, selbst auf der Handbremse vom Collectivo oder auf der ungefederten Ladefläche eines Treckers.“ Was ihm fehlt, ist ein eigenes Auto. „Ich habe schon oft gedacht, der Collectivofahrer sollte einfach aussteigen und ich fahre das Ding selbst! Gerade, wenn die Fahrer besoffen sind, finde ich das auf den unbefestigten Schotterwegen nicht mehr so witzig.“ Bisher sind sie immer heil in Oxapampa angekommen. Einkaufen, im Internetcafé die Lieben in Deutschland anschreiben oder in der Disco abtanzen: die Wochenenden sind eine willkommene Abwechslung zur anstrengenden Arbeitswoche.

„Mein Hemd habe ich buchstäblich gesprengt“

Direkt nach dem Mittagessen legt Martin sein Geschirr ins Spülbecken und läuft quer über das Gelände zurück zum Basketballplatz. Dort angekommen, krempelt er die Ärmel hoch und greift nach der Schippe. „Heute wird ein langer Arbeitstag“, sagt er, „wenn ich Feierabend habe, wartet nämlich noch ein Haufen Wäsche auf mich.“ Selbst das Wäschewaschen hat es in sich – mit kaltem Wasser, alles per Hand. „Dazu nehme ich einfach eine Bürste und dieses unglaublich starke Waschmittel. Damit kriege ich eigentlich alles wieder weiß geschrubbt; leider nach und nach auch die Teile, die eigentlich mal bunt waren“, sagt der 19-Jährige zwinkernd. „So dünnen die Klamotten einfach mit der Zeit aus und kriegen Löcher.“ Er zeigt auf sein Arbeitshemd, das – ursprünglich rein schwarz – inzwischen von unzähligen buntgemusterten Flicken zusammengehalten wird. „Mein Hemd habe ich buchstäblich gesprengt“, erklärt er, „weil ich durch die Arbeit viel breitere Schultern und dickere Arme bekommen habe – da sind die Ärmel oben irgendwann einfach aufgerissen.“

Martin in der Mechanica (Quelle: Kim Horbach)

Sich beschweren: schwierig

Dass seine Aufgaben ihn körperlich stark fordern würden, war Martin schon vor seiner Abreise aus Deutschland klar. „Im Großen und Ganzen entspricht das Projekt absolut dem, was ich mir vorgestellt habe“, sagt er, „auch mit den Aufgaben, die wir hier erfüllen müssen.“ Martin wusste, worauf er sich einlässt, er kannte das Projekt bereits vor seinem Freiwilligendienst – sein Großvater hat es mitgegündet. Der Enkel des Gründers zu sein ist für den jungen Mann aus Deutschland nicht immer leicht: „Wenn ich bei der Arbeit zum Beispiel mal etwas falsch mache, kann es schon passieren, dass die Arbeiter mir das nicht direkt ins Gesicht sagen. Das ist manchmal zwar schon ein bisschen ungünstig, letztendlich aber nicht so gravierend wie ich vorher befürchtet hatte.“ Schwieriger findet er die Tatsache, dass seine Familie nach wie vor so eng mit Prosoya verbunden ist. „Meine Oma leitet ja die deutsche Seite des Projekts und so sind Beruf und Privates nicht leicht zu trennen“, erklärt Martin. „Ab und zu macht es das schon schwer, wenn ich mit meiner Familie telefoniere – ich kann mich nicht so ohne Weiteres beschweren und über die Arbeit auskotzen, ohne dass ich gleichzeitig auch die Arbeit meiner Oma kritisiere.“

„Man muss auf dem Land anfangen“

Seine Entscheidung, nach Prosoya zu gehen, hat er bisher nicht bereut. „Ursprünglich habe ich darüber nachgedacht, bei einem eher ökologischen Projekt mitzuarbeiten. Aber ich finde, dass der Mensch einfach Vorrang hat – das gilt auch für die offiziellen Entwicklungsgelder, die in die Projekte fließen“, sagt er. In Prosoya käme die Hilfe an. „Das Konzept ist wirklich auf Entwicklungszusammenarbeit ausgerichtet. Man muss auf dem Land anfangen und den jungen Leuten beibringen, wie sie nachhaltig mit dem arbeiten, was sie hier haben. Die Menschen sind das Wichtigste.“

Seine persönlichen Erfahrungen beschreibt Martin auch auf seinem eigenen Auslandsblog: www.martin-schlegel-blog.com.

Hier finden Sie die Freiwilligenberichte von Max und Rebecca – oder direkt zurück zur Übersicht der weltwärts-Reportage.

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