Erfahrungen von Rebecca

„Wir sind hier schon am Arsch der Welt“

Rebecca Liedtke (18) über ihre Erlebnisse als Freiwillige in Prosoya


Rebecca ist die jüngste Freiwillige in ihrem Projekt – und allein unter Jungs. Wie sie sich in Prosoya behauptet und warum das Leben im peruanischen Dorf ganz anders ist als der Alltag in einer deutschen Großstadt.

Rebecca Liedtke: die jüngste Freiwillige in Prosoya (Quelle: Kim Horbach)

Rein optisch sieht Rebecca Liedtke so aus, wie man sich eine Freiwillige vielleicht insgeheim vorstellt: ungeschminkt, mausbraune Dreadlocks, um die sie ein grünes Haarband geschlungen hat, weite hellgrüne Leinenhose. Irgendwie ein bisschen „öko“. Aber damit passt sie optisch schon mal hierher, nach Prosoya, in ihr weltwärts-Projekt mitten im Urwald von Peru.

Die 18-Jährige steht hinter einem der weißgetünchten Häuser, in dem sich die Küche und der kleine Speisesaal befinden, an einer gemauerten Arbeitsfläche mit  Waschbecken und schneidet Gemüse für das Mittagessen. „Ich arbeite gerade aushilfsmäßig in der Küche“, erklärt sie, „normalerweise bin ich aber vor allem in der Tischlerei und im Hotelbetrieb beschäftigt.“ Sie und eine der Angestellten von Prosoya kochen heute für die komplette Mannschaft – normalerweise sind das rund 60 Leute, doch jetzt in den Ferien sind viele der Arbeiter nicht da. „Wir sind vielleicht so 40 Leute, die hier nachher essen“, schätzt Rebecca.

Moskito-Stiche und Kochen auf offener Flamme

Beim Blick in die schmale, kleine Küche fragt man sich, wie hier eine so große Menge Essen vorbereitet werden soll: Im Schrank stehen ein paar wacklig aufgetürmte Stapel bunter Plastikteller, eine Handvoll abgewetzter Blechtöpfe verteilt sich auf und neben zwei alten Herden. Die werden noch mit Holz befeuert, gekocht wird teilweise auf offener Flamme.

Rebecca schneidet Gemüse für rund 40 Personen (Quelle: Kim Horbach)

Rebecca schneidet Paprikaschoten in Würfel. Immer wieder fährt sie sich mit der Hand über den Arm und kratzt. Er ist übersäht von winzigen roten Punkten. „Stiche von den kleinen orangenen Viechern, die hier überall rumfliegen“, erklärt sie. „Die sind furchtbar – man erwischt sie kaum und die Stiche jucken echt tagelang.“  Daran hat sie sich zwar nach rund sechs Monaten in Prosoya gewöhnt, der Juckreiz ist aber immer noch genauso schlimm wie am Anfang ihres Freiwilligendienstes.

Am „Arsch der Welt“

Ihre Motivation für den weltwärts-Dienst kann sie klar benennen: „Ich wollte nach Südamerika, um Spanisch zu lernen, am liebsten nach Peru oder Bolivien. Mir war es wichtig, Land und Leute kennenzulernen und bei einem sozialen Jahr bekommt man einfach einen viel engeren Kontakt, das ist authentischer.“ Von Prosoya, einem vergleichsweise großen weltwärts-Projekt, hat sie sich vorher kein konkretes Bild gemacht, sagt sie: „Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie ich es mir vorher vorgestellt habe. Aber zumindest habe ich nicht damit gerechnet, dass das Projekt wirklich so weit draußen am Arsch der Welt liegt!“

Dabei sollte die frischgebackene Abiturientin aus Erfurt ursprünglich in ein anderes weltwärts-Projekt des deutschen Trägervereins geschickt werden, um dort ihr freiwilliges Jahr zu verbringen: in ein Projekt noch tiefer in den Bergen, drei Stunden von der Stadt Cusco entfernt. Doch zwei Wochen vor der Ausreise aus Deutschland sprang plötzlich der zweite deutsche Freiwillige ab. Ein Schock. „Alleine wollten sie mich nicht dorthin lassen“, sagt Rebecca schulterzuckend.

Rebecca und ein Prosoya-Schüler in der Küche (Quelle: Kim Horbach)

Als erste Freiwillige in einem reinen Jungsprojekt

Schnell muss ein Plan B her – und der heißt: Prosoya Yanachaga. „Eigentlich ist es ein reines Jungsprojekt, hier leben ja nur männliche Schüler und auch die zwei Freiwilligen sind normalerweise immer Jungs.“ Aber Prosoya Yanachaga hat – im Vergleich zum rund 40 Minuten entfernten Mädchenprojekt Prosoya Quillázu – genug Platz und Arbeit für einen dritten Freiwilligen. Der Verein wagt einen Versuch: Rebecca darf als erste weibliche Freiwillige im Jungsprojekt arbeiten.

„Das klappt eigentlich ziemlich gut“, findet sie. „Klar war es für die Jungs hier am Anfang ungewohnt. Die haben sich erstmal kaum getraut, überhaupt mit mir zu reden.“ Aufgetaut seien sie dann aber schnell. Im Nachhinein ist sie auch ganz froh, nicht in dem Projekt nahe Cusco gelandet zu sein: „Ich finde es ja schon blöd, dass Prosoya so abgelegen ist – wie wäre das erst dort geworden?“ In Deutschland habe sie ja in einer großen Stadt gewohnt, das sei einfach etwas ganz anderes. „Hier im Dorf kannte mich nach ein paar Wochen wirklich jeder. Die kennen sich fast alle untereinander mit Namen und es kann schon anstrengend werden, wenn die einfach alles von dir mitkriegen.“

„Die Hierarchien sind schon krass“

Das nervt sie gelegentlich – genauso wie die Hierarchien bei der Arbeit.  „Man merkt das besonders im Umgang mit den Arbeitern und den Vorgesetzten. Da sind die Hierarchien schon krass“, findet sie. „Aber was die Religiosität angeht, kommt das hier zum Glück nicht so durch, wie man vielleicht erwarten würde.“ Trotzdem sträubt sie sich gegen die strengen Regeln. „Am meisten vermisse ich es, abends mit Freunden zusammenzusitzen – ohne dass es jemanden interessiert und ohne dass ich das ständig rechtfertigen muss.“ Das vermisst sie an Deutschland. „Dort hatte ich natürlich schon andere Freiheiten. Und klar, ich vermisse meine Familie und meine Freunde zuhause – aber jetzt auch nie so, dass ich dann heulend dasitze. So Durchhänger gehen schnell vorbei“, sagt sie.

Auf dem offenen Herd brutzeln peruanische Pommes Frites (Quelle: Kim Horbach)

„Es wird schwer, hier wieder wegzugehen“

Inzwischen hat sie einen beachtlichen Berg Gemüse geschnitten. Rebecca geht hinüber in die Küche und wirft Kartoffelschnitze in einen großen Topf auf dem Herd. Sie schwimmen im Fett. „So machen wir hier Pommes“, sagt sie grinsend. Dazu gibt es später Suppe, Fleisch, Gemüse und natürlich jede Menge Reis. „Obwohl die Küche so klein ist, können wir hier so viel Essen fertig machen, dass eigentlich alle gleichzeitig was zwischen die Zähne kriegen“, erklärt Rebecca. Eine kleine logistische Meisterleistung.

Noch hat die 19-Jährige einige Monate in Peru vor sich. Dennoch graut ihr jetzt schon vor dem Abschied im August. „Es wird bestimmt sehr schwer, hier wieder wegzugehen“, schätzt sie. „Als wir Deutschland verlassen haben, wussten wir ja, dass es nur für ein Jahr sein würde und wir alle wiedersehen. Aber hier wissen wir nicht, wann wir wieder herkommen – und ob wir das Projekt überhaupt nochmal wiedersehen.“

Zukunft schon geplant

Bevor es zurück nach Deutschland geht, möchte sie aber unbedingt noch mehr vom Land sehen und herumreisen. „Ich denke, das mache ich so gegen Ende meiner Zeit hier“, sagt sie, „dann möchte ich auf jeden Fall nochmal in Richtung Cusco und Bolivien reisen.“ Sie streicht sich eine verirrte Strähne ihrer Dreadlocks hinters Ohr. Auch für die Zeit nach ihrem Freiwilligendienst hat sie schon klare Pläne. „Ich möchte studieren, habe mich schon letztes Jahr für Geo-Ökologie beworben. So kann ich direkt nach meiner Rückkehr im Wintersemester anfangen – die Einschreibung übernehmen einfach meine Eltern für mich.“

Rebecca: "Die Menschen werden mir am meisten fehlen" (Quelle: Kim Horbach)

„Die Menschen werden mir am meisten fehlen“

Was wird sie an Peru am meisten vermissen? „Natürlich die Menschen, die werden mir am meisten fehlen“, sagt sie und drückt wie zur Bestätigung einen der Jungen an sich. „Sie sind zwar genauso individuell und verschieden wie in Deutschland, aber ihre Mentalität ist schon sehr viel offener als bei uns.“  Das begegnet ihr auch immer wieder außerhalb des Projektgeländes, wenn sie mit Martin und Max, den beiden anderen Freiwilligen, an den Wochenenden in die nächstgelegene Stadt fährt, die 26 Kilometer von Prosoya entfernt ist. „In Oxapampa gehen wir dann auch gern mal feiern“, sagt sie, „und da geht’s dann mindestens genauso gut ab wie zuhause in Deutschland!“

Ihre Erfahrungen in Prosoya Yanachaga beschreibt Rebecca auch selbst auf ihrem Freiwilligen-Blog: http://rebecca-in-peru.blogspot.de/.

Lesen Sie mehr über die Erfahrungen von Max und Martin – oder gelangen Sie zurück zur Übersicht der weltwärts-Reportage.

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