Bettina in Südafrika

„Sobald es dunkel wurde, sind wir nicht mehr rausgegangen“

Bettina Schlüter (26) über ihre Workcamp-Erfahrungen in Südafrika


Arbeitslosigkeit, Armut und ein Haus mit Stacheldraht: Während ihres ersten Workcamps begegnet Bettina Schlüter die harte Realität Südafrikas. In Dysseldorp spielt sie mit Grundschülern, tanzt mit alten Afrikanern – und versucht, als Gruppenleiterin einen guten Job zu machen.

Aus der Ferne eine Idylle: das südafrikanische Dysselsdorp (Quelle: Bettina Schlüter)

Dysselsdorp in Südafrika – dass die 26-jährige Bettina Schlüter im vergangenen Sommer hier den Leiterposten in einem Workcamp bekam, war Zufall: Ursprünglich hatte sie sich bei dem zuständigen gemeinnützigen Verein in Deutschland für ein Praktikum beworben – doch dort wollte man sie lieber als Leiterin in einem Workcamp-Projekt einsetzen. „Die Anforderungen habe ich erfüllt: ich hatte Reiseerfahrung, konnte Englisch und habe den Eindruck vermittelt, dass ich mich in der fremden Umgebung und als Leiterin einer Gruppe gut zurechtfinden kann“, erzählt sie.

Das Haus gleicht einer Festung

Im August 2011 reisen die deutschen Workcamper, eine Gruppe von sechs Frauen (zwischen 18 und 30 Jahren), in das südafrikanische Dorf. In Dysselsdorp leben rund 20.000 Menschen, so Bettinas Schätzung. „Es ist aber trotzdem nicht so groß, wie man es sich vielleicht vorstellt, weil viele Leute in einem Haus zusammenleben“, erklärt sie, „deswegen kann man in knapp 40 Minuten einmal durch das ganze Dorf laufen.“ Das Haus, in dem die Freiwilligen untergebracht sind, ist äußerst komfortabel: „Wir haben in Zweierzimmern gewohnt, jeweils mit eigenem Bad – das ist schon Luxus für die dortigen Verhältnisse.“ Strom und Wasser funktionieren tadellos. Auch kochen müssen die Deutschen nicht selbst, diesen Job übernimmt das Küchenpersonal. Bettinas Ansprechpartner ist als Leiter des Hauses immer greifbar. „Normalerweise soll zeitgleich mit der deutschen Gruppe auch noch eine Partnergruppe vor Ort sein, das war aber bei uns nicht so“, erzählt sie. Nur einige südafrikanische Studentinnen sind ebenfalls Gast im Haus. Das alles könnte idyllisch wirken, wäre das Haus nicht gesichert wie eine Festung. Bettina erinnert sich: „Um das ganze Haus herum verlief eine hohe Mauer und obendrauf war zusätzlich Stacheldraht angebracht. Und trotz allem gab es noch drei Schäferhunde, die nachts das Haus bewacht haben.“ Ein Indiz dafür, dass Südafrika weltweit zu den Ländern mit der höchsten Kriminalitätsrate zählt.

Bettina Schlüter und zwei Grundschülerinnen (Quelle: Bettina Schlüter)

„Wir haben uns die Arbeit selbst gesucht“

Dennoch bewegen sich die deutschen Frauen tagsüber ohne Scheu durch das Dorf. Ein älteres afrikanisches Ehepaar begleitet sie, zeigt ihnen die Einrichtungen wie den Kindergarten, das Krankenhaus und das Altersheim. „Wir sind durch den kompletten Ort gekommen“, sagt Bettina, „uns war wichtig, einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Menschen dort leben, wie ihr Alltag aussieht.“ Ein Tag in Afrika beginnt für die Workcamper gegen neun Uhr. „Wir haben uns unsere Arbeit meistens selbst gesucht“, gibt Bettina offen zu, „vormittags haben wir Dysselsdorp erkundet und nachmittags haben wir oft mit den Kindern in der Grundschule oder im Kindergarten gespielt, bei der Betreuung geholfen oder mit den Leuten im Altersheim getanzt.“ An die Tage im Altersheim erinnert sie sich besonders gern. Obwohl die meisten älteren Bewohner dort nur Afrikaans und kein Englisch sprechen, verständigen sie sich mit Händen und Füßen. „Das war der Wahnsinn, wie gut die drauf waren“, sagt Bettina begeistert, „wie sie mit uns getanzt und dabei echt den Hintern bis zum Boden geschwungen haben!“

Berührungsängste und harte Realitäten

Auch die afrikanischen Kinder gehen offen auf die Deutschen zu. „Deswegen ist es mir auch nicht schwergefallen, mich dort einzuleben“, sagt Bettina. Für keine der Teilnehmerinnen sei es ein großer Kulturschock gewesen, nach Afrika zu kommen. „Für uns war es auch kein Problem, wenn wir als Gruppe weißer Mädchen mal so ein bisschen angeschaut wurden“, sagt sie lachend. „Klar haben die Kinder ab und zu mal in unseren Haaren gefummelt oder über unsere Haut gestreichelt, weil es einfach was Besonderes für sie war.“

Slagline-Spiele gegen den entbehrungsreichen Alltag (Quelle: Bettina Schlüter)

Mit den harten Realitäten des Dorfes – Armut, Krankheit, Drogenabhängigkeit – werden sie selten konfrontiert. „Einmal haben wir eine alte Frau getroffen, die an Aids erkrankt war – das war dann schon so ein Moment, in dem wir gemerkt haben, dass dort wirklich nicht alles so rosig aussieht“, sagt die Studentin. Besonders im Krankenhaus seien die Berührungsängste schon groß gewesen, gibt sie zu. „Wenn man dort die Tuberkulose-Warnschilder liest, dass man die Fenster offen lassen soll, damit die Keime raus können, wird einem schon ein bisschen anders.“

Überfälle sind an der Tagesordnung

Auch in Dysselsdorp zeigen sich typische Probleme Südafrikas. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, viele Jugendliche verlassen das Dorf sobald sie können. Die, die bleiben, greifen allzu oft zu Alkohol und Drogen – „durch die Verzweiflung, keine berufliche Zukunft zu haben“, vermutet Bettina. Auch Überfälle sind an der Tagesordnung. „Wir sind deswegen nicht mehr rausgegangen, sobald es abends dunkel wurde.“ Im südafrikanischen Winter ist das gegen 18 Uhr. „Wir haben zwar schon die Armut gesehen, waren aber nie in einer gefährlichen Situation. Wir waren ja auch nur Mädels und da muss man schon aufpassen, weil viele Vergewaltigungen und Angriffe passieren.“ Als Leiterin trägt sie die Verantwortung für ihre Gruppe; gemeinsam entscheiden sie sich dafür, die Abende in ihrem Haus zu verbringen. „Wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt, kann man Gefahren einfach vermeiden“, sagt sie bestimmt.

Luftballon-Tanzen im afrikanischen Altersheim (Quelle: Bettina Schlüter)

„Für die geht alles so weiter wie bisher“

Dass sie mit ihrem Aufenthalt die Probleme in Dysselsdorp nicht bekämpfen kann, ist ihr schon damals klar. „Ich glaube nicht, dass wir im Workcamp für das Land einen großen Beitrag leisten. Du spielst da drei Wochen mit ein paar Kindern und fährst dann wieder nach Hause – aber für die geht alles so weiter wie bisher.“ Einen großen Anspruch, dort zu helfen, hält sie ohnehin für falsch: „Ich hatte nicht die Erwartung, in den paar Wochen total viel zu bewirken. Mir ging es darum, dass die Teilnehmer ein Gefühl für die Kultur und die Lebensverhältnisse der Menschen dort entwickeln und dass sie dieses globale Bewusstsein mit zurück nach Deutschland nehmen.“ Als Workcamper solle man nicht mit der Erwartung an die Arbeit herangehen, in wenigen Wochen die Welt zu retten.

Stattdessen könne man sich persönlich weiterentwickeln – eine Beobachtung, die sie auch bei den Teilnehmerinnen in ihrer Gruppe gemacht hat. „Auch ich selbst habe durch dieses Gruppengefüge viel gelernt – man muss sich da mit Leuten arrangieren, mit denen man sonst nie etwas zu tun hätte“, erklärt sie. „da geht es auch darum, an sich selbst zu arbeiten.“ Eine besondere Herausforderung ist für sie auch, jede Teilnehmerin gleich zu behandeln. Keine leichte Aufgabe, wie sie selbst sagt: „Wenn da so Kommentare kommen wie ’Ach wie schade, dass hier so viel Müll rumliegt, sonst würden die Fotos viel besser aussehen’, fällt es manchmal schon schwer, mit Verständnis zu reagieren.“

Wichtige Bezugsperson für die Freiwilligen: ein Priester aus Kapstadt (Quelle: Bettina Schlüter)

Besondere Begegnung in Kapstadt

Trotz kleiner Reibereien entscheidet die Gruppe alles gemeinsam. Die Wochenenden und die letzte Woche nutzen sie, um in Südafrika herumzureisen und das Land außerhalb Dysseldorps kennenzulernen. „Das Wochenende in Kapstadt war für viele von uns besonders prägend“, erinnert sich Bettina. Ein Priester, der in der Gegend für die Betreuung der Workcamper zuständig ist, vermittelt ihnen die Ferienwohnung eines Bekannten in Kapstadt. „Er hat sich das ganze Wochenende um uns gekümmert. Für einen Priester war er überraschend locker und lustig.“ Es ist eine der Begegnungen, die ihr am lebhaftesten in Erinnerung bleiben. „Er hat seinen Hund mit der guten Schokolade gefüttert und uns erklärt, wenn sein Hund stirbt, hätte er wenigstens das beste Leben gehabt“, sagt sie bewundernd. „Eine Teilnehmerin hat ihm zum Abschied gesagt: Wenn in Deutschland mehr Priester so wären wie du, würde ich vielleicht mehr Vertrauen zur Kirche haben.“

Die Erlebnisse in Südafrika haben die Studentin nun dazu bewogen, in diesem Sommer erneut ein Workcamp zu leiten. Diesmal geht es mit derselben Organisation, Kolping JGD, in ein Workcamp nach Indien. „Es sind noch Plätze frei“, sagt Bettina, „und ich freue mich, wenn sich bald ein paar engagierte Leute dafür anmelden!“

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