Sarah in Kenia

„Natürlich hatten wir einen Sonderstatus“

Sarah Bressan (20) über ihre Workcamp-Erfahrungen in Kenia


Afrikanischen Schülern Deutschland erklären oder Kirchenbänke mit Motoröl und Termitengift bemalen: Nach dem Abi entscheidet sich Sarah Bressan für ein Workcamp in Siaya, Kenia. Und verabschiedet sich dort vom Vorurteil des „armen Afrikaners“.

Die Workcamper inmitten einer afrikanischen Familie, Sarah als Vierte von links hinten (Quelle: Sarah Bressan)

„Das Workcamp war eine tolle Erfahrung. Ich bin danach nach Hause gefahren und hab’ gedacht: Das muss man selbst gesehen haben“, erzählt Sarah Bressan. Die 20-jährige Studentin ist im vergangenen Sommer für vier Wochen in ein Workcamp nach Siaya in Kenia gereist. „Ich bin so ein bisschen mit diesem vorgefertigten Bild im Kopf dorthin geflogen, das wohl viele haben: In Afrika verhungern Leute“, gibt sie zu. „Man kennt ja die Zahlen und Videos und alles, aber es ist nicht dasselbe wie es selbst zu erleben. Wenn man nicht dort war, kann man es nicht beurteilen.“

„Wenn wir zu viel Wasser nehmen, kommt keins mehr nach“

Für Sarah ist es die erste Begegnung mit der fremden, afrikanischen Kultur. Siaya ist die Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts – „im Vergleich zu anderen Workcamps war unseres in einer größeren Stadt“, sagt sie. Es gibt einen großen Markt, einen Supermarkt, Bars. „In die Kneipen sind wir abends aber nie gegangen“, erzählt sie, „es gibt nämlich keine Straßenlaternen – wenn es dunkel ist, ist es wirklich stockdunkel. Da war es nicht so cool, nachts unterwegs zu sein.“ Deswegen verbringen die Workcamper – eine gemischte Gruppe von neun Deutschen – ihre Abende im Haus der Gemeinde, wo sie auch untergebracht sind. Sie schlafen in drei Zimmern auf einfachen Stockbetten. Zum Duschen gibt es fließendes Wasser, auch eine Toilette ist vorhanden. „Tagsüber haben wir allerdings meistens das Plumpsklo draußen benutzt“, erklärt Sarah, „das andere war mehr dafür da, dass wir nachts nicht raus mussten. Aber wir sollten halt nicht so viel Wasser verbrauchen.“ Das Wasser kommt aus einem Brunnensystem. „Es war klar: Wenn wir zu viel nehmen, kommt keins mehr.“

Giftige Angelegenheit: Farbe wird aus Motoröl und Termitengift gemischt (Quelle: Sarah Bressan)

Die Tage sind locker durchgeplant. Gegen neun Uhr treffen sich die Teilnehmer zum gemeinsamen Frühstück, anschließend bespricht der Gruppenleiter mit dem Pfarrer das Vormittagsprogramm. Das Workcamp befindet sich auf demselben Gelände wie die Kirche und ein Kindergarten, direkt hinter dem Zaun steht die Primary School. Überall dort kommen die Workcamper aus Deutschland zum Einsatz. „Wir haben entweder in der Schule die Lehrer unterstützt, im Kindergarten gespielt oder für die Kirche an neuen Holzbänken gearbeitet.“ Die Bänke sind bereits von der Gruppe vorbereitet worden, die im Vorjahr dort war. „Das waren einfach immer so zwei Holzstämme mit einer Latte obendrauf“, erklärt Sarah. Sie sollen nun die Bänke streichen – mit Motoröl und Termitengift. „Richtige Farbe gab es nicht. Man hätte die in der nächstgrößeren Stadt besorgen können, aber dort ist es einfach nicht üblich, für einen Eimer Farbe so einen Aufwand zu betreiben.“

„Macht doch was über Deutschland!“

Die meiste Zeit verbringen die Deutschen in der Schule. „Wir haben dort nicht wirklich unterrichtet, sondern waren in kleineren Gruppen in einer Klasse und haben mit den Kindern so ein bisschen Programm gemacht.“ Die vage Ansage der Lehrer: „Macht doch was über Deutschland!“ Viel Vorbereitung ist dafür nicht nötig, denn die Fragen der afrikanischen Grundschüler an die deutschen Besucher reißen nicht ab. „Sie wollten ganz einfache Dinge wissen: was wir essen, wo das Land liegt und welche Länder an Deutschland grenzen, wer unser Staatsoberhaupt ist und solche Sachen.“ Für die Kinder sind diese Stunden eine willkommene Abwechslung zum normalen Schulalltag. „Der Unterricht ist normalerweise ja viel autoritärer und wir haben ein bisschen mehr Spaß reingebracht“, sagt sie. „Die haben auch keine Berührungsängste, weil da regelmäßig weiße Leute hinkommen. Es war eigentlich fast genauso wie in eine deutsche Klasse reinzukommen.“

Auf dem Markt von Siaya (Quelle: Sarah Bressan)

Danach sorgen die Workcamper selbst für ihr Mittagessen, kochen gemeinsam und kümmern sich dafür auch um die nötigen Einkäufe. „Selbst auf dem Markt kannten uns alle“, erinnert sich Sarah, „und wir hatten natürlich einen Sonderstatus. Jeder wusste: Das sind die Gäste aus Deutschland. Aber wenn man zwei Wochen lang jeden Tag dort einkaufen geht, dann fühlt man sich schon auf eine Art auch zugehörig – das hat aber auch deshalb gut geklappt, weil sich keiner von uns ausgeklinkt hat und gesagt hat: Ich kauf’ mir jetzt meine Nutella.“ Die Workcamper versuchen, sich den Lebensbedingungen anzupassen. „In der Stadt hatte ich nicht den Eindruck, dass die Menschen denken: Komm, was wollen die denn, die haben doch so viel Geld. Wir wurden aber auch darauf vorbereitet, dass es darauf ankommt, wie man sich gibt. Wir hatten nur Trekkinghosen und T-Shirts an und sind natürlich auch nicht mit dem Iphone in die Stadt gegangen.“ Höhere Preise zahlen sie dennoch. „Die haben uns öfter mehr Geld abgenommen“, gibt sie zu, „aber ich habe mir dann auch oft gedacht, ich kann doch jetzt nicht mit der Marktfrau über ein paar Cent mehr oder weniger verhandeln.“ Auch die bettelnden Kinder am Straßenrand machen der 20-Jährigen zu schaffen. „Unser Leiter hat uns gesagt, dass wir denen nichts geben dürfen, weil sie dann pfeifen und auf einmal stehen noch weitere 50 Freunde vor dir. Aber es war schon schwer, immer dran vorbeizugehen und Nein zu sagen.“

„Nächstes Mal bringt ihr mehr mit!“

Mit dem Klischee des „reichen Europäers“ haben sie selten zu kämpfen. „Das ist uns eigentlich nur einmal begegnet“, erinnert sie sich. „In der Schule waren nicht alle Lehrer begeistert, dass wir da waren, weil die Schüler gerade kurz vor ihren Prüfungen standen. Als wir denen unser Abschiedsgeschenk vorbeigebracht haben – ein paar Werbekulis, Luftballons und solche Sachen – meinte eine Lehrerin nur bissig zu uns: Nächstes Mal bringt ihr aber mehr mit!“ Im Nachhinein, findet Sarah, sei das blöd gelaufen. „Da blieb dann ein unangenehmer Nachgeschmack. Solange es nicht um Geld oder Geschenke ging, war es auch kein Thema, aber sobald wir damit angefangen hatten, wurde es komisch. Wir haben weder uns noch denen einen Gefallen damit getan.“

Auch eine sogenannte Slagline zum Balancieren haben die Workcamper im Gepäck (Quelle: Sarah Bressan)

Sie bekommen auch die Gegensätze des Landes zu spüren, die Schere zwischen Arm und Reich klafft teilweise weit auseinander. „Die Familie des Pfarrers zum Beispiel war nicht arm“, sagt Sarah. „Einmal hat er uns in das Haus seines Bruders eingeladen – ein riesiges Haus wie aus einer US-Serie, eingemauert und mit fetter Ledercouch. Das war schon ein krasser Sprung, von diesem Dörflichen zu so etwas.“ In der Gegend um Siaya lebt der Großteil der Menschen von der Landwirtschaft. Der Pfarrer macht mit den Deutschen auch einen Ausflug zu einer Familie, die noch ganz traditionell auf den Feldern lebt. „Das war dann das absolute Kontrastprogramm“, erzählt sie weiter, „die Familie wohnte da in ganz einfachen Lehmhütten mit Strohdächern. Wir saßen bei denen im Wohnzimmer und haben dem Familienoberhaupt zugehört. Das war ein Mann von ungefähr 70 Jahren. Er hatte drei Frauen und sehr viele Kinder – die haben gar nicht alle mit uns in den kleinen Raum reingepasst!“ Stundenlang stellen die Workcamper Fragen, der Pfarrer übersetzt, der alte Mann antwortet. „Er war der einzige, der die ganze Zeit geredet hat. Auch wegen der Hierarchie, es gab sogar eine vorgegebene Sitzordnung.“ Dass die Familie arm lebt, ist offensichtlich. „Jedes Kind hatte ein T-Shirt und eine Hose – die Sachen waren total zerrissen und wenn die Schuluniform kaputt war, war das eben Pech. Da hab’ ich mir schon gedacht: Wenn da mal einer krank wird, können sie es sich nicht leisten, ihn ins Krankenhaus zu bringen.“

„Sie haben nicht das Gefühl, arm zu sein“

Dieses Erlebnis prägt sich ein. „Wenn man hier bei uns in Deutschland sehen würde, wie es dort wirklich ist, würden viele nicht denken: Oh mein Gott, ihr tut mir so Leid, dass ihr so leben müsst. Die Afrikaner selbst haben gar nicht so sehr das Gefühl, arm zu sein – es ist einfach normal dort.“ Sie nimmt viel mit zurück nach Deutschland. „Das ist alles schwer in Worte zu fassen, aber so eine Erfahrung hat schon Einfluss auf deine Sichtweise, wie du bestimmte Dinge siehst. Allein schon mit acht Leuten unterwegs zu sein als Gruppe, hat mich persönlich weitergebracht. Aber auch mein Bild von Afrika hat sich verändert. Ich wusste vorher gar nicht viel darüber, habe mich auch nicht für Entwicklungsthemen interessiert – das ist heute anders.“ Weil es ihr in Siaya so gut gefallen hat, kehrt sie noch in diesem Sommer dorthin zurück – diesmal als Gruppenleiterin. Sarah ist glücklich: Die Chance dass ihr Workcamp stattfinden kann, stehen gut – denn es haben sich bereits acht Leute dafür angemeldet.

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