Ramona in Mexiko

„An Tlaxcalancingo habe ich mein Herz verloren“

Ramona Linder (21) über ihre Workcamp-Erfahrungen in Mexiko


Ramona Linder erlebt in ihrem Workcamp den unbequemen Alltag eines mexikanischen Dorfes: Sie isst Heuschrecken, kocht und wäscht mit Regenwasser.  Und verliebt sich trotzdem – in Land und Leute.

Umringt von Dorfkindern: Ramona in der Ferienschule (Quelle: Ramona Linder)

Tlaxcalancingo, ein sperriges Wort. Ramona Linder geht es leicht über die Lippen. Es ist der Name jenes mexikanischen Dorfes, in dem die heute 21-Jährige vor fast zwei Jahren für wenige Wochen gelebt und gearbeitet hat – als Workcamperin, gemeinsam mit sechs weiteren Teilnehmern aus Deutschland. Das Projekt, für das sie nach Mexiko geflogen sind, befindet sich nahe der Universitätsstadt Puebla im Einzugsgebiet von Mexiko City.  Ramona beschreibt ihr Projekt als eine Art Volkshochschule: „Es gibt dort Kurse für jeden, vor allem natürlich für die Dorfkinder. Nachhilfe in Englisch oder Mathe, Sport und Basteln am Nachmittag.“ Untergebracht sind die Deutschen, anders als bei vielen Workcamps üblich, zu zweit bei Gastfamilien im Dorf. Und das wirkt auf den ersten Blick sehr idyllisch: Kakteenfelder, kleine Marktstände auf den Straßen, ein freier Blick auf die nahegelegenen Vulkane. Doch Ramona merkt schnell, dass dieser Schein trügt.

Die Unterbringung: erstmal ein Schock

Sie erinnert sich gut an den Moment, in dem sie das Haus ihrer Gastfamilie zum ersten Mal sieht. „Es war schon ein Schock. Wir sind mit unserer Gastmutter und den drei Kindern durch das Dorf an den ganzen Häusern vorbeigelaufen und bei jedem hab’ ich nur gedacht: Bitte nicht dieses, bitte nicht dieses!“, erzählt sie lachend. Zwar steht in der deutschen Projektbeschreibung, die Teilnehmer müssten sich auf „einfache Wohnverhältnisse“ gefasst machen – doch auf diese Realität ist Ramona nicht vorbereitet: „Es war eigentlich mehr eine Hütte als ein Haus.“ Damit sie und Ines, das zweite deutsche Mädchen, ein eigenes Zimmer bekommen, schläft die fünfköpfige Familie im Ehebett der Eltern. Das Kinderzimmer, in dem sie schlafen sollen, hat keine Tür. Drei Holzkreuze hängen an der Wand, dazu gibt es einen Tisch ohne Stühle und zwei Betten. „Mehr nicht“, erinnert sich die Studentin, „es war ein Kinderzimmer ohne Spielsachen.“

Waschstelle hinter dem Haus, verbunden mit Regenkanistern (Quelle: Ramona Linder)

„Wir haben alles mit abgekochtem Regenwasser gemacht“

Erst am Morgen nach der ersten Nacht bemerken sie die Feuchtigkeit. „Unsere Bücher haben richtig Wellen geschlagen“, sagt Ramona. Auch ihre Wäsche fühlt sich in den nächsten Wochen immer etwas klamm an, denn es ist Regenzeit. Die größte Herausforderung ist aber eine andere: Im Haus gibt es kein fließendes Wasser, keine Dusche, keine Toilette. „Wir haben alles mit einem Eimer und abgekochtem Regenwasser geregelt“, erzählt sie. Ein Waschbecken, das durch einen Schlauch mit Wasserkanistern auf dem Dach verbunden ist, dient als einzige Waschmöglichkeit. „Mit dem Regenwasser wurde alles gemacht – gewaschen, geduscht, Geschirr gespült. Auch zum Kochen haben wir es benutzt.“

Englischunterricht und Backen auf Spanisch

Mexiko – das reichste Land Lateinamerikas. Davon ist in Tlaxcalancingo nur wenig zu spüren. Doch Ramona passt sich schnell den ungewohnten Lebensumständen an. „Für mich war diese Einfachheit ein kleines Abenteuer für sich, eine Herausforderung, die ich angenommen habe wie viele andere in diesen Wochen“, sagt sie heute. Sie melkt Kühe, lernt mit plötzlichen Fieberschüben umzugehen, isst zum ersten Mal in ihrem Leben Heuschrecken. Eine weitere Hürde muss sie bei der Arbeit im Schulprojekt meistern: die Sprachbarriere. „Obwohl ich schon ganz gut Spanisch gesprochen habe, war es sehr schwer für mich, mich mit den kleineren Kindern zu verständigen. Oder auch, vor einer Klasse zu stehen und plötzlich Englisch-Unterricht auf Spanisch zu geben.“

In den drei Wochen, die sie im Dorf verbringt, sind gerade Ferien. Die Kinder besuchen freiwillig den angebotenen Unterricht in der Sommerschule, dem sogenannten „Calpulli“. Bildung ist hier keine Selbstverständlichkeit, sondern gilt als Privileg. Die deutschen Freiwilligen können sich ihre Aufgaben flexibel einteilen; unterstützt werden sie von einer Gruppe mexikanischer Studenten. „Sie haben die Nachhilfestunden am Vormittag übernommen“, sagt Ramona, „wir haben ein bisschen Englisch gemacht, aber hauptsächlich die Sportangebote organisiert oder in der Tiendita mitgeholfen.“ In der Tiendita, dem Hofladen, backt Ramona Donuts oder Kekse, schneidet Gemüse und verkauft andere Produkte aus eigenem Anbau.

Ramona wird voll in ihre Gastfamilie integriert (Quelle: Ramona Linder)

„Wir hätten ihnen die Haare vom Kopf gefressen“

Mittags geht sie mit Manuel und Monze, den beiden älteren Kindern ihrer Gastfamilie, zurück zum Haus, um dort zu essen. „Es gab meistens eine Art Fleischbrühe, viel Reis, also sehr einfaches Essen“, sagt sie. „Die Familien bekommen zwar schon ein gewisses Geld dafür, dass sie uns aufnehmen – aber nur, weil wir ihnen sonst buchstäblich die Haare von Kopf gefressen hätten.“ Noch dazu hat die Familie Schulden, immer wieder stehen Männer vor der Tür und verlangen Geld. „Solche Probleme kennt man sonst nur aus Filmen“, sagt Ramona, „wir sitzen bei einer Familie am Tisch, die uns immer das beste Stück Fleisch gibt, die selbst mit den Fingern isst, damit wir ihr einziges Besteck benutzen können und die sich zu fünft ein Bett teilt.“ Das macht sie nachdenklich.

Nach dem Mittagessen geht es mit dem Programm im Schulprojekt weiter. Dort gibt sie einigen Mädchen Englisch-Unterricht oder spielt mit den Kindern Fußball – bis der Regen einsetzt. „Es war ja Regenzeit, meistens fing es nachmittags an wie aus Eimern zu schütten“, erinnert sie sich. „Wenn wir Pech hatten, saßen wir dann erst mal für Stunden in der Schule fest.“ Abends gibt es auf dem Projektgelände dann auch Angebote für die erwachsenen Dorfbewohner: Computerkurse, Tanzen oder Tae Boe und eine Selbsthilfegruppe.  Wenn sie nicht mit den Kindern deren Familien besuchen, nehmen die deutschen Workcamper oft an diesen Veranstaltungen teil. Auch, weil es im Dorf abends keine Ausgehmöglichkeiten gibt.

Momente, die bleiben

„In der ersten Woche wollte ich mit Ines abends ausgehen“, erzählt Ramona, „aber nachdem wir nach über einer Stunde Fußmarsch weder eine Bar noch ein Lokal finden konnten, wollten wir aufgeben.“ Sie machen sich bereits auf den Rückweg, als sie Musik aus einem Hauseingang hören. Neugierig fragen sie nach. Es ist ein siebzigster Geburtstag – und sie werden spontan eingeladen. „Die haben einfach gesagt: Kommt rein, wir haben Bier, setzt euch zu uns.“ Die Deutsche strahlt bei dieser Erinnerung. „Sie haben für uns gesungen, getanzt und wie selbstverständlich alles mit uns geteilt. Wir waren die ganze Nacht da.“

Ramona beim Backen in der Tiendita (Quelle: Ramona Linder)

Es sind Momente wie diese, in denen sie sich in Mexiko verliebt. „Ich habe mich gar nicht als Besucher gefühlt, sondern mich sehr schnell eingelebt – vor allem, weil die Menschen dort alle so offen und herzlich sind. Die Kinder haben mich einfach an die Hand genommen und mir alles gezeigt, mich überall hin mitgenommen.“ So ist sie trotz der gewöhnungsbedürftigen Lebensumstände traurig, als sie nach drei Wochen Abschied vom Dorf nehmen muss: „Da sind bei uns allen richtig Tränen geflossen. Ich habe mein Herz an Tlaxcalancingo verloren.“

Drogenkontrollen auf der Rundreise

Die letzte Woche in Mexiko nutzen die deutschen Workcamper, um durch das Land zu reisen. Mit dem Bus fahren sie an die Küste von Acapulco, zu Kunsthandwerkermärkten in Oaxaca und – ein besonderes Highlight – nach Palenque, zu den Ruinen der Maya im Regenwald. Doch selbst die Busreise birgt ihre Tücken: Mitten auf offener Strecke wird ihr Bus vom Militär angehalten. „Die haben mich und ein anderes Mädchen rausgezogen, weil die Drogendetektoren bei unserem Gepäck angeschlagen haben“, erzählt Ramona. „Da hatte ich richtig Schiss!“ Denn auf Drogenbesitz stehen in Mexiko hohe Haftstrafen. „Uns wurde ja auch immer wieder gesagt, dass wir uns nichts unterjubeln lassen und unser Gepäck ständig kontrollieren sollen“, sagt die 21-Jährige, „und da standen die dann, zehn Mann mit Maschinengewehren am Anschlag.“ Doch die Mädchen haben Glück. Es stellt sich heraus, dass die Detektoren auf ihre Tablettenpackungen reagiert haben. „Die haben wir ihnen dann gern da gelassen.“

„Um die Arbeit geht es am wenigsten“

Obwohl die letzte Reisewoche aufregend war, denkt Ramona besonders gern an die Zeit in dem kleinen Dorf zurück. „Ich bin ein Stück reifer geworden durch diese Erfahrung. Ich habe die Lebensumstände kennengelernt und hautnah erlebt, das hat mich auf den Boden der Tatsachen gebracht“, sagt sie heute. Ihren Beitrag sieht sie dafür durchaus kritisch. „Die Arbeit, die wir dort gemacht haben, hätten sie auch ohne uns geschafft. In vier Wochen kann man nicht erwarten, Weltbewegendes zu leisten“, ist sie sich sicher. „Klar haben wir versucht, den Leuten und Kindern dort etwas zurückzugeben, haben deutsche Abende veranstaltet und die Arbeiter eingeladen.“ Der Austausch sei auch für die Mexikaner ein Gewinn. „Es heißt zwar Workcamp, aber um die Arbeit geht es dabei am wenigsten.“

Obwohl sie das Dorf irgendwann einmal wieder besuchen will, wird sie in diesem Jahr nicht dorthin zurückkehren. Ihr nächstes Workcamp führt sie noch in diesem Sommer nach Ghana in Afrika – diesmal wird sie es selbst leiten.

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