Beat in England

„Keiner von denen konnte pädagogisch arbeiten!“

Beat Seemann (20) über seine Workcamp-Erfahrungen in Großbritannien


In seinem ersten Workcamp an der Küste von England betreut Beat sozial benachteiligte Kinder. Dabei stört er sich nicht nur an den fragwürdigen pädagogischen Methoden, sondern setzt sich auch über sie hinweg.

Beat Seemann auf dem Weg zu seinem ersten Workcamp (Quelle: Beat Seemann)

Beat Seemann steckt gerade mitten in den letzten Abiturprüfungen. Trotzdem nimmt er sich die Zeit, von seinen Erlebnissen in einem sozialen Workcamp in Großbritannien zu berichten. „Das war keine rein positive Erfahrung“, stellt er gleich klar, „bei dem Workcamp habe ich auch allerhand mitbekommen, was nicht so perfekt gelaufen ist, aber ich fange am besten mal von vorne an…“

Ein Junge mit Helfersyndrom?

„Dass ich ein Workcamp mitgemacht habe, war eigentlich Zufall“, sagt er. Vor Beginn der Oberstufe – für ihn im Jahr 2010 – sucht er nach einer Möglichkeit, während der Sommerferien seine Sprachkenntnisse auszubauen und möglichst günstig zu verreisen. „Das sind natürlich keine Gründe für ein Workcamp“, wiegelt er ab, „aber mir wurde auch schon immer ein Helfersyndrom attestiert.“ Beat ist in Deutschland sehr aktiv, schreibt für ein Jugendmagazin und ist Mitglied der grünen Jugend. Die Idee, die hinter den Workcamps steht, sagt ihm gleich zu. „Ich kann damit nicht nur meine sprachlichen Fähigkeiten verbessern, ich lerne auch Leute aus der ganzen Welt kennen, die genau wie ich die Motivation haben, etwas Sinnvolles in ihrer freien Zeit zu tun.“ Das erwartet er auch im Sommer 2010 von seinem Projekt in einem kleinen englischen Küstenort. Was dann kommt, sieht er schon damals mit kritischen Augen.

Beat und sein taiwanesischer Mitfreiwilliger beim Sumoringen (Quelle: Beat Seemann)

Eine internationale Truppe

„Ich wollte in einem Projekt mit Kindern arbeiten“, erzählt er. “Aber unser Workcamp war eigentlich kein typisches Workcamp.“ Es ist ein Ferienhaus direkt an der Nordseeküste von Mablethorpe. „Dorthin kamen Kinder aus Leicester und Birmingham, die vom Jugendamt jeweils für eine Woche geschickt wurden, um Urlaub zu machen.“ Beat verbringt drei Wochen in dem Haus und betreut während dieser Zeit drei Kindergruppen, gemeinsam mit fünf weiteren Freiwilligen. Deren Gruppenzusammenstellung ist sehr international: Beat und ein Mädchen aus Deutschland, ein Saudi-Araber, ein Taiwanese, ein Franzose und eine Spanierin. Dazu wird das Projekthaus von Mitarbeitern bewirtschaftet, die meisten aus der Slowakei und Ungarn. „Die haben den Job vor allem gemacht, weil sie da im Vergleich zu ihren Heimatländern viel Geld verdient haben“, ist Beat überzeugt, „aber meiner Meinung nach konnte keiner von denen pädagogisch arbeiten.“

„Das hat nicht zu meiner Einstellung gepasst, wie ich mit Kindern umgehe“

Von Anfang an stößt er sich an den Methoden der Mitarbeiter. „Wir waren dort wirklich so ein bisschen die Deppen vom Dienst. Und die Leitung des Hauses hat absolut nichts von pädagogischer Kindererziehung verstanden.“ Vor jedem Frühstück müssen sich die Kinder in einer Reihe aufstellen. „Oft hat man sie schon morgens angeschrien“, erinnert sich der Deutsche, „und dann gab’s erst Essen.“ Damit ist er nicht einverstanden. Und eckt an. „Prinzipiell finde ich so internationale Arbeit mit Kindern total toll“, erklärt er, „aber das hat in dem Fall einfach nicht zu meiner Einstellung gepasst, wie ich mit Kindern umgehe.“ Er versucht, locker und ungezwungen an das tägliche Programm heranzugehen, mit den Kindern Spaß zu haben.

„Das war für die doch dasselbe wie zuhause!“

Jede Woche läuft nach dem gleichen Plan ab. Montags reisen die neuen Kinder an und es geht in die kleine Stadt – zum „Shoppen“, wie Beat ironisch betont. „Man muss sich das so vorstellen, in diesen Ort kommt die Unterschicht, um Urlaub zu machen. Die wohnen dann in so einer Art Trailerpark. Und in der Stadt gibt es nur Spielhöllen und Schrottläden.“ Dass die Kids direkt nach ihrer Ankunft ihr Geld in diesen Schrottläden lassen, stört ihn gewaltig. „Die Kinder haben sich dort den größten Müll gekauft, zum Beispiel Aliens aus Plastik – das war für die doch genau dasselbe wie zuhause!“

Besonders beliebt: die Sonnenuntergänge an der Küste (Quelle: Beat Seemann)

Das Programm gestalten die Workcamper vormittags meistens auf dem Spiel- oder Fußballplatz. Die Nachmittage verbringen sie am Strand, direkt hinter dem Haus. „Das war schön“, erinnert sich Beat, „weil die Kinder richtig toben und machen konnten, was sie wollen.“ Doch auch der triste Alltag der Kinder schleicht sich immer wieder ins Ferienhaus. „Abends wurden sie dann gern mal vor den Fernseher verfrachtet“, berichtet Beat. „Die Begründung der Projektleitung dazu war, dass sie nichts anderes gewöhnt sind und nicht anders runterkommen.“ Er versteht nicht, warum den Kindern nicht etwas ganz Neues geboten wird. „Das hat sich aber überall durchgezogen“, ärgert er sich, „auch beim Essen. Da gab es superviel Fish and Chips oder Toast. Weil die Kinder angeblich nichts anderes essen.“

„Ich hätte einen fetten Anschiss bekommen!“

Ein bisschen Abwechslung bietet der Ausflug in den Zirkus oder die Fahrt zu Plaisure Island, einem Freizeitpark. „Darüber haben sich die Kleinen natürlich schon gefreut, weil die das zuhause nicht mit ihren Eltern machen konnten.“ Aber auch hier wird der Spaß getrübt. „Wir wurden zu Beginn des Workcamps darüber aufgeklärt, dass wir Männer uns nicht mit den Mädchen beschäftigen dürfen“, sagt Beat. Die Projektleitung spricht von einem britischen Gesetz, das es männlichen Betreuern verbietet, sich um minderjährige Mädchen zu kümmern. „Anfassen war deswegen komplett tabu“, erzählt der 20-Jährige.

Gerade bei den Ausflügen stellt ihn das aber vor Probleme. „Erklär’ mal einem kleinen Mädchen, wenn es im Freizeitpark deine Hand halten will, dass das nicht geht“, entrüstet er sich. Beat geht nach seinen eigenen Prinzipien und nimmt auch die Mädchen an die Hand. „Aber wenn das die Leitung mitgekriegt hätte, hätte ich einen fetten Anschiss bekommen!“ Das Risiko nimmt er gerne in Kauf: „Die Kinder mochten uns, gerade weil wir Nähe zu ihnen gezeigt haben.“ Besonders gern hat er, wie er selbst sagt, die „leisen, cleveren“ unter ihnen.

Mit blauer Perücke: Beat sorgt als Katy Perry für Lacher (Quelle: Beat Seemann)

Auftritt in Kleid und High Heels

Trotz des Ärgers gibt es auch viele schöne Momente. Die Freiwilligen spielen mit den Kindern „Capture the Flag“, veranstalten die sogenannten „Garden Games“ und eine eigene kleine Talentshow. „Bei den Garden Games musste dann auch die Projektleitung dran glauben“, sagt Beat lachend. Die Leiter müssen sich gegenseitig mit Brei füttern, Eier auf dem Kopf zerschlagen lassen oder ihr nassen Gesicht  in Mehl tunken. „Das war für die Kinder total witzig.“ Ein Höhepunkt ist vor allem die wöchentliche Talentshow. „Da gab’s jede Woche einen neuen Justin Bieber. Und wir mussten natürlich auch was performen“, erzählt er grinsend. „Ich habe mich als Katy Perry verkleidet, so richtig mit Kleidchen und hohen Hacken“. Die anderen Freiwilligen bilden seine Backgroundtänzer. „Bis der Taiwanese den Tanz konnte, hat es Stunden gedauert!“

Zum Glück verstehen sich die Freiwilligen untereinander gut. „Der Taiwanese war der Beste“, sagt Beat. „Samstags abends waren wir immer zusammen in der Dorfdisko und hatten da sehr viel Spaß. Alkohol war in England auch ein großes Thema“, gibt er zu. „wir waren eigentlich jeden Abend am Corner Shop.“ Eine seiner liebsten Erinnerungen an die Zeit im Workcamp ist aber eine andere: „Ich war mit dem Taiwanesen in einer Karaokebar. Wir haben zusammen ’Last Christmas’ gesungen – im August!“

Wärmer wird es in Tansania: Beat geht weltwärts (Quelle: Beat Seemann)

Der nächste große Schritt

Weil die guten Eindrücke die schlechten aufwiegen, entschließt er sich im folgenden Jahr, ein deutsches Workcamp im Allgäu mitzuleiten, eine Spielstadt für Kinder. „Da hat dann auch alles mit dem pädagogischen Konzept gepasst“, freut er sich. Und auch für dieses Jahr steht ein Schritt ins Ausland an – allerdings ein großer: Im September beginnt Beat seinen weltwärts-Dienst in Tansania. Für ein Jahr wird er dort in einem Waisenhaus arbeiten, mit Kindern und Jugendlichen zwischen einem und 22 Jahren.

 
 
 
 

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