Celina in Kenia

„Von weißen Touristen waren wir regelrecht angewidert“

Celina Espinosa (18) über ihre Workcamp-Erfahrungen in Kenia


Zwischen Schulalltag und Schnüffelkindern: In ihrem Workcamp in Kenia lernt Celina nicht nur, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, sondern relativiert auch viele Vorurteile. Wie sie in Afrika zu mehr Gelassenheit gefunden hat.

Celina und zwei afrikanische Grundschüler (Quelle: Celina Espinosa)

„Ich habe für mich so viel mehr aus dieser Erfahrung mitgenommen als aus einem normalen Pauschalurlaub“, sagt die 18-jährige Celina Espinosa über ihr Workcamp in Rabour, einem kleinen Ort nahe dem Viktoriasee in Kenia. Dort hat sie im vergangenen Sommer vier Wochen verbracht. „Ich habe mit den Menschen gelebt und ihren ganz normalen Alltag mitbekommen.“

Familiäre Atmosphäre

Die Gruppe der deutschen Workcamper besteht aus zehn Frauen. Zum Projektgelände gehören eine Vorschule und eine Schule, eine Bäckerei sowie die Schulküche. „Grob zusammengefasst ist es dort ein soziales Workcamp“, erklärt die junge Deutsche, „vor allem eine Anlaufstelle für  Witwen und Halbwaisen.“ Ihre „Projektmutter“, also die Ansprechpartnerin vor Ort, ist gleichzeitig die Schuldirektorin. Die Freiwilligen wohnen direkt neben ihr, in einem kleinen Steinhaus. Es gibt drei Zimmer mit jeweils zwei Stockbetten. „Nix mit Luxus“, stellt Celina klar, „wir hatten Matratzen, die so dick waren wie Luftmatratzen – aber das war immer noch besser als es viele dort hatten.“

Auch Dusche und Toilette sind vorhanden. „Wenn es mal kein Wasser gab, konnten wir halt nicht spülen“, erklärt sie grinsend, „dann sind wir eben zum Plumpsklo nach draußen gegangen.“ Die Unterkunft ist einfach, eine Küche gibt es nicht. „Zum Kochen sind wir immer zu unserer Projektmutter nach nebenan gegangen“, erzählt Celina. „Es war eine sehr familiäre Atmosphäre bei ihr. Das war auch ein Grund, warum ich mich nie unsicher gefühlt habe.“

Waisenkinder nach dem Bastelkurs (Quelle: Celina Espinosa)

Verständigung mit Stöckchen im Sand

Auch bei ihrer Arbeit fühlt sie sich wohl. „Wir haben in der Schule unterrichtet und den Lehrern assistiert“, berichtet sie. „Wir haben mit den Kindern an den Computern Zehnfingerschreiben geübt, ein bisschen Deutsch gelernt oder gesungen.“ Jeden Morgen besprechen sie mit den Lehrern, wer welche Aufgaben übernimmt. Die Deutschen sind immer zu zweit in einer Klasse. Verständigungsprobleme mit den Kindern gibt es nicht: „Sie sind teilweise sogar dreisprachig aufgewachsen, können Englisch, Kisuaheli und die Stammessprache der Luo. Und Englisch sprechen sie besser als viele von uns.“ Wenn Celina mal ein Wort nicht weiß, verständigt sie sich mit Händen und Füßen. „Die älteren Witwen auf dem Marktplatz konnten oft kein Englisch, da haben wir einfach gestikuliert oder etwas mit einem Stöckchen in den Sand gemalt.“

Bei ihren Einkaufstouren auf den Markt von Kisumu begegnen den Freiwilligen auch die Schattenseiten Afrikas. „Es gibt da die Schnüffelkinder“, sagt Celina traurig, „Kinder, die nicht zur Schule gehen, sondern dort herumlungern und Klebstoff schnüffeln.“ Sie laufen hinter den Deutschen her, zerren an ihren Kleidern, betteln. „Das war schlimm für mich“, erinnert sich die 18-Jährige. „Wir sollten ihnen auch nichts geben, weil es ihnen in ihrer Situation nicht hilft.“

„Why do you cry?“

Celina erinnert sich lebhaft an einen weiteren Zwischenfall, den sie als einen „Schlüsselmoment“ in Afrika beschreibt. „ich war ja schon Vegetarierin, als ich dorthin gegangen bin“, sagt sie, „aber dort habe ich einmal live miterlebt, wie sie auf unserem Gelände Schweine zum Schlachten zusammengetrieben und dann mit Schlägen auf den Kopf betäubt haben.“ Davon ist sie so entsetzt, dass ihr die Tränen in die Augen schießen. Da kommt ein kleiner Junge auf sie zu. „Er hat gesagt: Why do you cry? They’re gonna make sausages out of them!“ , sagt Celina amüsiert. „Er fand es überhaupt nicht traurig, dass die Schweine geschlachtet werden, um Wurst aus ihnen zu machen.“

Schulversammlung auf Afrikanisch (Quelle: Celina Espinosa)

Es sind Situationen und Erfahrungen, an denen sie wächst. „Da hatte ich schon ein paar Erlebnisse, die mich ziemlich überfordert haben“, sagt sie rückblickend, „hätte ich das vorher gewusst, wäre ich vielleicht gar nicht mitgefahren nach Kenia.“ Eins dieser Erlebnisse ereignet sich bei der morgendlichen Schulversammlung. „Es war unheimlich heiß und wir hatten kurz vorher unsere Malaria-Prophylaxe genommen. Eine meiner deutschen Freundinnen stand neben mir und fiel plötzlich einfach um. Sie ist mit dem Gesicht vornüber auf den Boden geknallt, bewusstlos. Ich war völlig überfordert.“ Dabei sieht es schlimmer aus, als es ist: Das Mädchen trägt außer Schürfwunden keine Verletzungen davon. „Ich denke, ich würde heute in solchen Situationen souveräner reagieren – da hat mich die Erfahrung in Afrika persönlich auf jeden Fall einen ganzen Schritt weitergebracht.“

„Ihr könnt doch bezahlen…“

Celina glaubt, dass auch die Kinder und Menschen dort von ihrer Anwesenheit profitiert haben. „Hilfe würde ich es nicht direkt nennen“, sagt sie, „aber wir haben uns viel mit ihnen ausgetauscht und sie haben dadurch unsere Kultur ein bisschen kennengelernt.“ Problematisch wird es dann, wenn die Einheimischen den Deutschen mit einer gewissen Erwartungshaltung entgegentreten, findet sie. „Bei neuen Projekten denken sie halt oft, dass du als Deutscher der große Geldgeber bist. Aber das war in unserem Workcamp, das schon lange etabliert ist, kein Thema.“ Von ihnen wird nur erwartet, dass sie motiviert mitarbeiten – nach Geld werden sie nicht gefragt. Ab und zu kommt es aber dennoch zu Missverständnissen. „Wir sollten helfen, Bäume zu pflanzen“, erinnert sie sich. „Als wir den zuständigen Lehrer gefragt haben, wie viel Geld die Schule dafür zur Verfügung hat, hat er uns ganz erstaunt angeschaut und gesagt: Na, ihr könnt doch die Bäume bezahlen.“

Vorsicht, frisch gestrichen: ein Klassenraum nach deutscher Verschönerung (Quelle: Celina Espinosa)

„Painted by women only“

Dabei haben die deutschen Frauen den kleinen Geldbetrag, der ihnen zur Verfügung steht, schon verplant. „Wir wollten da ja nicht als Geldgeber auftreten, aber schon ein Gastgeschenk machen“, sagt sie. Die Gruppe  entscheidet sich dafür, die Schulbücher der Kinder mit Folie einzubinden, damit diese länger halten. Außerdem streichen die Deutschen einen Klassenraum, in Apricot und Knallrot. „Da war dann aber kein Geld mehr für die Bäume übrig.“ Weil die Lehrer immer wieder skeptische Blicke auf die Malerarbeiten werfen, fragen die Deutschen sie schließlich, ob ihnen die Farben nicht gefallen. „Daraufhin haben sie uns erklärt, dass sie nur noch nie zuvor eine Frau beim Streichen gesehen haben“, sagt Celina. „Wir haben dann zur Erinnerung auf eine Wand gepinselt: ’Painted by women only’.“

„Es kam mir oberflächlich vor“

Ihre letzte Woche nutzt die Gruppe, um nach Mombasa an den Strand zu reisen. Auch in nach Nairobi fahren sie, um einmal eine größere afrikanische Stadt zu sehen. „Wenn wir dann gesehen haben, wie weiße Touristen das Land bereisen, waren wir schon fast angewidert“, schildert sie. „Es kam mir auch selbst viel oberflächlicher vor. Wir haben alle gemerkt, wie sehr wir uns in den paar Wochen schon an die Sitten dort angepasst hatten.“ Weil es in Kenia nicht gern gesehen wird, wenn Schultern oder Knie unbedeckt sind, achten sie darauf, sich entsprechend zu kleiden. „In der letzten Woche haben wir uns dann plötzlich regelrecht nackt gefühlt, wenn wir da nur im Spaghettitop rumgelaufen sind.“

Auch Vorurteile hinterfragt sie. „Ich war einmal mit einer Freundin in der Stadt unterwegs. Irgendwann hat mich ein Typ von hinten angetippt – da hab’ ich nur gedacht: Oh nee, was will denn der jetzt?“ Es ist ein junger Afrikaner, etwa in ihrem Alter. Er hält ihr einen Tausend-Schilling-Schein unter die Nase und sagt: „You lost these.“ Daran muss Celina oft denken. „Tausend Schilling sind etwa zehn Euro, das ist dort ein kleines Vermögen – und er ist mir hinterhergelaufen, um sie mir wiederzugeben.“ Das beeindruckt sie sehr. „Für ihn wären diese 10 Euro wirklich sehr viel Geld gewesen.“

Celina wird von ihren Schülern frisiert (Quelle: Celina Espinosa)

“Was man sieht, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt”

Diese Erfahrungen stimmen sie nachdenklich. Sie nimmt vieles mit zurück nach Deutschland: „Vor allem sehr, sehr viel Gelassenheit. Ich habe dort gelernt, wenn etwas schiefgeht oder nicht so läuft wie geplant, gibt es immer andere Möglichkeiten.“ Diese Einstellung hilft ihr heute auch bei Entscheidungen in ihrem täglichen Leben. „Ich habe mich getraut, mein Studium abzubrechen als ich gemerkt habe, dass es irgendwie nicht passt“, erzählt sie selbstbewusst. Statt Tourismus-Management soll es nun ein Lehramts-Studium werden.

Von Grund auf umgekrempelt hat sie ihr Leben aber nicht. „Ich kann nicht behaupten, dass ich kein Auto mehr fahre, mich nicht mehr wasche oder so“, sagt sie lachend, „aber jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe, denke ich heute: Wow, ich habe Wasser soviel und wann ich will.“ Man nehme eher Kleinigkeiten mit, findet sie. „ Es sind eben nur vier Wochen und was man sieht, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt.“ Aber Celina will ihre Eindrücke vom letzten Jahr vertiefen – deswegen reist sie im Sommer zurück nach Rabour, um selbst ein vierwöchiges Camp zu leiten.

Celina in Kenia
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