Kritik an weltwärts

Ein weltfremder Dienst?


Seit seinem Start im Jahr 2008 ist der Freiwilligendienst weltwärts umstritten. Immer wieder fordern Entwicklungsexperten das Ende des „Tourismus-Programms für junge Leute“: Weltfremd sei der Dienst, denn er gehe an den realen Bedürfnissen der Entwicklungsländer vorbei. Auch viele Freiwillige selbst zweifeln, ob ihre Arbeit wirklich sinnvoll ist. Ist weltwärts also nicht mehr als ein Abenteuerurlaub auf Staatskosten?

Die Arbeit von deutschen weltwärts-Freiwilligen: sinnloser Abenteuertrip? (Quelle: Max Reinhold)

Mehr als 13.000 junge Deutsche sind bereits mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligen-dienst weltwärts in Schwellen- und Entwicklungsländer gereist, um sich dort für gemeinnützige Projekten einzusetzen. Die Fördergelder, die das Entwicklungs-ministerium (BMZ) dafür einsetzt, sind beträchtlich: ganze 84 Millionen Euro waren es allein in den Jahren 2008 bis 2010. Vielen Entwicklungsexperten stößt das sauer auf – seit der Anfangsphase kritisieren sie, dass weltwärts in den Entwicklungsländern nichts bringe, sondern vielmehr wertvolle Entwicklungshilfe-Gelder für die Bespaßung deutscher Abiturienten im Ausland verschwendet würden. Sie fordern deshalb das Ende von weltwärts.

„…nicht auf Kosten der Entwicklungshilfe!“

So sehen es auch Winfried Pinger und Rupert Neudeck, beide Veteranen der Entwicklungshilfe: Pinger war 25 Jahre lang Entwicklungsexperte der CDU,  Neudeck gründete mit Cap Anamur selbst ein Hilfsprojekt. Mit dem vieldiskutierten „Bonner Aufruf“ erklärten sie bereits im Jahr 2008 zu weltwärts: „Wir helfen mit dem Programm uns selbst. Wir helfen nicht den Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika.“ Neudeck sagte, das Programm sei ein „über Steuergelder finanziertes Tourismus-Programm für junge Leute“, die in der Regel noch nichts gelernt hätten. Die vielen Millionen Fördergelder, die für weltwärts zur Verfügung stünden, sollten seiner Ansicht nach besser in den Bau von Schulen oder in andere Projekte investiert werden. In den Ländern selbst gäbe es zudem genügend junge Leute, die sich engagieren wollten. In dem öffentlichen Aufruf verlangten Neudeck und Pinger ausdrücklich das Ende des weltwärts-Dienstes: „Wir sind der Meinung, dass es durchaus erstrebenswert ist, dass junge Leute rausgehen“, so Neudeck, „dann aber bitte nicht auf Kosten des Steuerzahlers. Und schon gar nicht auf Kosten der Entwicklungshilfe!“

weltwärts-Teilnehmerin beim Unterrichten in einer ghanaischen Berufsschule für Frauen (Quelle: Maria Slenczek)

weltwärts ist das falsche Instrument, entwicklungspolitische Ziele zu erreichen“

Damit schlagen sie in die gleiche Kerbe wie die Entwicklungsexpertin Dr. Claudia von Braunmühl. „Wenn man ein Programm wie weltwärts in die Welt setzt, muss man sich fragen: Was ist das Problem, das wir angehen wollen, worauf soll das Programm reagieren und wie kann es das angemessen tun? Da lag bei weltwärts schon der Fehler“, sagt die Berliner Politikprofessorin auf frei-raus Anfrage. „Als Teil der Entwicklungshilfe sollten ganz andere Programme und Initiativen finanziert werden. weltwärts ist einfach das falsche Instrument, entwicklungspolitische Ziele zu erreichen!“ Damit hält sie an den Vorwürfen fest, die sie schon in den Anfangsjahren des Dienstes geäußert hatte. Damals brachte sie ihre Kritik in einem kritischen Artikel des SZ Magazins krachend auf den Punkt: „Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?“ Claudia von Braunmühl hält weltwärts für „grenzenlos populistisch“, da es nicht die Frage stelle, was die Menschen in Entwicklungsländern wirklich brauchen. Abiturienten ohne Berufserfahrung zählen aus ihrer Sicht nicht dazu. „Eins ist jedenfalls sicher“, schimpfte sie schon damals, „an unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!“

Keine Entwicklungshelfer im klassischen Sinn

Diese Kritik wird besonders von Vertretern des weltwärts-Programms scharf zurückgewiesen. Die Denkweise von Kritikern wie Neudeck, Pinger oder Braunmühl sei veraltet, entwicklungspolitische Veränderungen müssten nicht in der Infrastruktur, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen angestoßen werden. weltwärts verändere die Rahmenbedingungen von Entwicklungshilfe – und das rechtfertige dann auch die Fördergelder aus dem Entwicklungshilfe-Etat.

Dreckig wird es für Freiwillige wie Entwicklungshelfer gleichermaßen (Quelle: Kim Horbach)

Der Freiwilligendienst-Experte Dr. Jörn Fischer hat sich intensiv mit dem weltwärts-Dienst beschäftigt. Er sagt: „Wer diese Kritik äußert, hat das Programm nicht verstanden. Es geht vor allem darum, etwas in den Köpfen der Freiwilligen zu bewirken. Die gehen zwar selbst mit einem unheimlichen Drang nach draußen, etwas zu bewegen, aber manchmal merken sie dann natürlich schon, dass ihr Wirkungskreis begrenzt ist.  Man muss sich aber auch in Erinnerung rufen: Das sind keine ausgebildeten Fachkräfte und keine Entwicklungshelfer.“ Das sei auch nicht der Kern oder der Anspruch von weltwärts. „Durch die Kopplung ans Entwicklungsministerium haben wir aber die Problematik, dass viele Leute Wirkungsansprüche an den Dienst stellen, die man sonst an 50-jährige Diplomingenieure oder Umweltwissenschaftlerinnen mit jahrelanger Berufserfahrung stellt – das ist natürlich Quatsch.”

Verändertes Handeln und eine veränderte Einstellung

Bei weltwärts gehe es aber vielmehr darum, durch den Dienst einen Prozess in den Köpfen der Freiwilligen selbst und auch in den Köpfen der Menschen in den Gastländern anzuregen. „Dort soll ein interkultureller Austausch stattfinden. Außerdem führt die Konfrontation mit Armut und globalen Ungerechtigkeiten bei vielen Freiwilligen auch zurück in Deutschland zu einer veränderten Einstellung und einem veränderten Handeln“, erläutert Fischer. „Das entspricht genau dem, was man unter entwicklungspolitischer Bildungsarbeit versteht.“ Daher sei es vollkommen natürlich, dass der Dienst im Entwicklungsministerium „angedockt“ sei und von ihm gefördert werde.

In seinem weltwärts-Projekt in Peru packt Max Reinhold kräftig mit an (Quelle: Max Reinhold)

Auch den Vorwurf, dass der Freiwilligeneinsatz der jungen Deutschen in den Projekten nichts bringt und deshalb unsinnig ist, findet er falsch. „Ich halte das wirklich für einen Mythos, dass die Organisationen nicht davon profitieren“, macht er deutlich. „Viele Organisationen sagen etwas anderes, das haben auch Studien schon gezeigt. Darin wird eins ganz deutlich: Die Organisationen haben oft mehr von den Freiwilligen, als die Freiwilligen selbst glauben.“ Das bestätigt auch der 20-jährige Max Reinhold, der gerade ein weltwärts-Jahr in einen sozialen Projekt in Peru verbringt. „Ich wollte vor allem etwas lernen und was Soziales machen. Aber ich weiß nicht, ob ich den Peruanern hier wirklich so eine so große Hilfe bin. Das meiste meiner Arbeit könnten sie wahrscheinlich schneller und besser selbst erledigen“, gibt er zu bedenken. Für Dr. Jörn Fischer ist Max ein Beispiel dafür, wie selbstkritisch viele Freiwillige ihre Arbeit hinterfragen. „Ganz banal gesagt sind die Freiwilligen aber immer eine zusätzliche Arbeitskraft und das in Umgebungen, die sonst häufig personell unterbesetzt wären – das freut und unterstützt die Partnerorganisationen.“ Die Tätigkeiten der Helfer seien so ausgelegt, dass sie unterstützend wirken – „aber nicht so, dass ohne sie der ganze Laden zusammenbricht“.

Näher an den Menschen, die zählen

Die jungen deutschen Freiwilligen bringen – obwohl sie nicht mit Berufserfahrung glänzen können – außerdem einen entscheidenden Vorteil mit: Sie sind deutlich näher dran an den Menschen, die in der Entwicklungspolitik als Endbegünstigte gelten: an Kindern, alten Menschen, Armen, kranken Patienten. „Entwicklungsexperten sitzen in ihren klimatisierten Büros in der Hauptstadt, planen irgendwelche millionenteuren Projekte – aber sie sind eben nicht so nah dran an den Menschen, um die es eigentlich geht“, sagt Fischer. Beispiele aus der Praxis zeigten, dass Veränderungen erreicht würden. „weltwärts-Freiwillige in Indien hatten zum Beispiel die Idee, in der Schule eine Strichliste über die Anwesenheit der Schüler zu führen, weil dort viele Kinder sehr unregelmäßig zum Unterricht erschienen sind. Das hat tatsächlich dazu geführt, dass unter den Kindern ein regelrechter Wettbewerb entstanden ist: Wer hat die meisten Striche?“, erinnert sich Fischer. „Dadurch sind sie schlussendlich häufiger zur Schule gegangen. Das ist eine kleine Idee – die kostet nur einen Bleistift und ein Blatt Papier, bewirkt aber eine Verhaltensänderung. Dafür braucht es kein millionenschweres Projekt und keinen Bildungsexperten.“

Für viele Aufgaben brauchen die weltwärts-Freiwilligen ihr Abitur nicht (Quelle: Maria Slenczek)

Zielgruppen bleiben unerreicht

Dass der Evaluierungsbericht zur Wirksamkeit von weltwärts, der vom Entwicklungsministerium in Auftrag gegeben wurde, noch einige Potenziale zur Verbesserung des Freiwilligendienstes aufzeigt, will Fischer nicht abstreiten. So ergab die Auswertung der ersten beiden weltwärts-Jahre, dass eine angestrebte Zielgruppe nicht erreicht werden konnte: Haupt- und Realschüler mit Berufsausbildung, die aus sozial und finanziell schwächer gestellten Familien stammen. Ganze 97 Prozent der weltwärts-Teilnehmer hingegen waren Abiturienten. Für Dr. Claudia von Braunmühl keine Überraschung: „Die meisten jungen Leute sehen das nach dem Abi als Chance, nochmal auszubüxen, bevor sie unter der Kandare des Studiums stehen. Leute, die nicht aus einem höheren Bildungs- und Familienumfeld kommen, setzen sich kaum mit Freiwilligendiensten auseinander – außer sie kriegen einen gezielten Impuls von außen. Und in den unteren sozialen Schichten klappt das nicht, weil die Strukturen ganz anders sind.“ Auch Dr. Jörn Fischer hält es für ein schwieriges Unterfangen, diese Zielgruppe zu erreichen, sieht jedoch dringenden Handlungsbedarf. „Es reicht nicht zu sagen, dass man etwas tun will, sondern man muss tatsächlich etwas Konkretes unternehmen, um diese Leute ins Boot zu holen“, macht er deutlich. „Die Zielgruppen müssen in ihrer jeweiligen Lebensrealität abgeholt werden – das können zum Beispiel ehemalige Teilnehmer versuchen, die selbst als Nicht-Abiturienten bei weltwärts mitgemacht haben.“

Doch auch die Entsende-Organisationen tragen ihren Teil zur hohen Abiturientenquote bei. „Fakt ist, dass der Anteil der Nicht-Abiturienten unter den Bewerbern noch höher ist als unter den Freiwilligen, die schlussendlich rausgehen. Das heißt, der Auswahlprozess der Organisationen sorgt dafür, dass die Quote der Abiturienten erhöht wird“, erklärt Fischer. Das würden diese natürlich nicht gerne hören. „Aber es gibt einfach zu wenig konkrete Bemühungen“, findet der Experte, „man trägt diesen Anspruch die ganze Zeit vor sich her, diese Zielgruppe zu erreichen – irgendwann sollte man auch mal anfangen, ihn einzulösen. Oder aber sich zu bekennen und zu sagen: Na gut, wir haben halt 97 Prozent Abiturienten.“

Max hat Glück: Er hat in Peru immer einen Ansprechpartner, wenn es mal Probleme gibt (Quelle: Max Reinhold)

Die pädagogische Begleitung fällt unterschiedlich aus

Auch im Hinblick auf das pädagogische Mentorenprogramm, auf das weltwärts auf der Webseite stolz verweist, gibt es noch Nachholbedarf. „Die veröffentlichte Kurzfassung der Evaluation ist ja sowieso total poliert“, ärgert sich Braunmühl. „Aus der langen Fassung wird zumindest deutlich, was für ein Armutszeugnis diese Mentorenprogramme vor Ort sind. Das sind ja alles Elitekinder, die da in die Entwicklungsländer kommen – klar fragen sich die Organisationen dann auch: Warum sollen wir denen das Händchen halten, wenn für uns dabei nichts rausspringt?“ Dieses Programm zeige klar, dass die privilegierten Helfer aus dem Norden in den Ländern des Südens einen Betreuer bräuchten – „und das pro Nase“. Die pädagogische Betreuung in den Partnerprojekten findet laut Evaluierungsbericht nur sehr uneinheitlich statt und variiert stark von Organisation zu Organisation – hier besteht also Verbesserungsbedarf.

Schachern um die Fördergelder

Aus der Sicht von Dr. Jörn Fischer wären bedeutende Änderungen auch in einem weiteren Feld der weltwärts-Arbeit nötig: „Woran es aus meiner Sicht immer noch hapert, ist die Zusammenarbeit und das Verständnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Zwischen dem Entwicklungsministerium als staatlichem Förderer und den Entsendeorganisationen als Durchführer ist die Rollenverteilung nicht immer ganz klar – allerdings bemühen sich beide Seiten nun um mehr Verständigung als noch in der Anfangsphase des Programms.“ Gerade Themen wie die Evaluation oder Qualitätsfragen seien Reibungspunkte. „Es stellt sich die Frage, wer warum welche Verantwortung trägt.“ Ein besonderer Streitpunkt zwischen BMZ und den Entsendeorganisationen war in den vergangenen Jahren immer wieder die veranschlagte Fördersumme, die für weltwärts zur Verfügung gestellt wurde. Während zu Beginn des Freiwilligendienstes noch von einem jährlichen Etat von bis zu 70 Millionen Euro die Rede war, pendelte sich der reale Förderbetrag schnell auf rund 30 Millionen ein. Jedoch sorgten unvorhersehbare Etatkürzungen zwischenzeitlich für Verunsicherung bei den Organisationen und angehenden Freiwilligen. So waren die Trägerorganisationen im Jahr 2010 von Geldern in Höhe von rund 40 Millionen Euro ausgegangen, da diese im Haushaltsplan der Regierung vorgesehen waren – nach der Kürzung blieben aber nur 29 Millionen übrig. Die Plätze für die Freiwilligen hatten die Organisationen jedoch bis dahin zum Großteil längst vergeben – es gab zwei Möglichkeiten: entweder die fehlenden Mittel selbst beschaffen oder Freiwilligen absagen. Die meisten Vereine konnten gemeinsam mit ihren angehenden Freiwilligen die benötigten Beträge aufbringen.

Seitdem bemüht man sich jedoch um mehr Planungssicherheit für die Trägervereine und Freiwilligen. Denn auch in den kommenden Jahren rechnet niemand damit, dass der Strom der weltwärts-Bewerber abreißen könnte. Obwohl einige Entwicklungsexperten den Dienst als weltfremd kritisieren, möchten viele junge Deutsche sich für mehrere Monate in einem Entwicklungsland einsetzen – mit allen Kräften, die ihnen zur Verfügung stehen.

Hier berichten Max Reinhold und seine Mit-Freiwilligen Martin Schlegel und Rebecca Liedtke von ihrem Alltag im peruanischen Projekt Prosoya Yanachaga. frei-raus hat für Sie die drei Deutschen live vor Ort besucht und sich ein umfassendes Bild verschafft.

Kritik wird auch über Workcamps geäußert – mehr dazu finden Sie hier.

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