Kritik an Workcamps

VolunTourism – Urlaub für Leute mit Helfersyndrom?


Zäune streichen in Ghana oder Englisch unterrichten in Mexiko: Zahlreiche gemeinnützige Organisationen und kommerzielle Reiseveranstalter bieten heute kurzzeitige Freiwilligenarbeit im Ausland – mehr oder weniger als All-inclusive-Paket. Aber wem helfen solche kurzangelegten Hilfsdienste wirklich?

Ramona Linder beim Englisch-Unterricht in einer mexikanischen Ferienschule (Quelle: Ramona Linder)

„Den Englisch-Unterricht auf Spanisch zu halten, hat mich an meine Grenzen gebracht“, erinnert sich Ramona Linder an ihr Workcamp in einem mexikanischen Dorf. Dort hat sie gemeinsam mit sechs anderen Deutschen in einer Ferienschule gearbeitet. „Ich konnte gar nicht so schlecht Spanisch. Aber die kleinen Kinder habe ich total schlecht verstanden.“ Der Unterricht verläuft deswegen oft schleppend – hauptsächlich sind die Deutschen aber auch dazu da, das Freizeitprogramm mit Sport oder Basteln zu gestalten und überall dort mit anzupacken, wo es gerade nötig ist.

Die Motivation: ehrlich hilfsbereit oder egoistisch geprägt?

Wo schon bei langfristigen Freiwilligeneinsätzen die Kritik laut wird, ob sie der Gemeinschaft, den Projekten und Menschen im Gastland wirklich etwas bringen, stellt sich diese Frage erst recht bei einem Freiwilligeneinsatz, der auf wenige Wochen beschränkt ist. Der Vorwurf: In Workcamps tummeln sich vor allem junge Leute mit Helfersyndrom, die exotische Reiseerfahrungen mit einem moralischen Plus verbinden wollen – auch, um hinterher sagen zu können: Seht her, was ich Gutes getan habe! Im Lebenslauf macht sich ein soziales Engagement in Ausland schließlich immer gut.

Nicht umsonst existiert der Begriff des Voluntourism – ein Mix aus den englischen Bezeichnungen für Freiwilligenarbeit (Volunteering) und Tourismus (Tourism). Ein bisschen Helfer spielen im Urlaub also? Maria Slenczek hat im vergangenen Jahr an einem Workcamp in Ghana teilgenommen. Sie sagt: „Es gibt schon viele, die wirklich helfen wollen. Aber klar sind auch einige Leute dabei, denen es darum geht, sich hinterher damit zu profilieren.“ Nadine Pantel, Projektreferentin beim gemeinnützigen Verein IBG e.V. erklärt: „Heute kommt es schon öfter vor, dass die Teilnehmer uns fragen, ob sie eine schriftliche Bestätigung bekommen können, dass sie bei einem Workcamp mitgemacht haben.“ Dennoch stehe bei der Mehrheit der Workcamper der soziale Gedanke nach wie vor im Vordergrund.

Workcamper und einheimische Arbeitskraft beim Bauen von Kirchenbänken (Quelle: Sarah Bressan)

Der Einsatz soll Nutzen bringen

Tatsächlich belegen verschiedene Studien aus dem In- und Ausland, dass eine Mischung aus altruistischen und egoistischen Motiven bei der Entscheidung für ein Workcamp eine Rolle spielt. Laut Volunteer Travel Insight 2009 gilt der Nutzen des jeweiligen Projekts als wichtigstes Kriterium für die Teilnehmer – dicht gefolgt vom persönlichen Lerneffekt und der Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizonts. Interkulturelles Lernen wird von deutschen Workcamp-Organisationen als bedeutsames Schlüsselkriterium gesehen, erklärt Simone Fuchs von den Kolping Jugendgemeinschaftsdiensten: „Es geht bei Workcamps um das Kennenlernen der fremden und auch der eigenen Kultur und weniger darum, in ein paar Wochen die Welt zu verändern.“ Wichtig sei vor allem, dass die Teilnehmer ein globales Bewusstsein entwickeln. Die Kritik, solche Kurzeinsätze im Ausland hätten keinerlei positiven Effekt auf die Gemeinschaft in den Gastländern, weist sie zurück. Der Beitrag sei nur schwer messbar. „Wir grenzen uns ganz klar von Entwicklungszusammenarbeit ab“, sagt sie, „obwohl viele Teilnehmer im Vorfeld oft denken, dass sie eine solche Leistung bringen. Aber es geht nicht darum, irgendwo hinzufahren mit der Einstellung: Ich kann dieses und jenes besser als ihr und rette euch jetzt aus dem Elend.“

Dorfkinder flechten einer Workcamperin die Haare (Quelle: Bettina Schlüter)

Laut Studienergebnissen ist ein Großteil der befragten ehemaligen Workcamper überzeugt, mit dem Freiwilligeneinsatz auf Zeit etwas Sinnvolles zu leisten. Die 26-jährige Bettina Schlüter hat selbst ein soziales Workcamp in Südafrika geleitet und räumt ein: „Für mich ist es schon eindeutig so, dass die Teilnehmer wesentlich mehr von dieser Erfahrung profitieren als die Leute vor Ort. Man darf den Effekt eines solchen Projekts aber auch nicht zu hoch bewerten – klar sind wir keine Weltretter! Aber ich glaube schon, dass auf beiden Seiten Berührungsängste abgebaut und Verständnis aufgebaut wird.“ Sie sieht es hingegen kritisch, dass regelmäßig neue Gruppen zu den Projektorten reisen. „Gerade wenn es um Arbeit mit Kindern geht, oder mit Menschen, die einen schwierigen psychischen Hintergrund haben, habe ich Bedenken“, sagt sie, „diese Menschen brauchen einfach mehr Zeit, um sich zu öffnen und Vertrauen aufzubauen – aber nach drei Wochen sind die Workcamper meistens wieder verschwunden.“ Deswegen sei es besonders wichtig, sich schon bei der Wahl des Workcamps über die genauen Tätigkeiten und den Nutzen der eigenen Arbeit im entsprechenden Projekt zu informieren.

Profit mit dem Helfertum

Gemeinnützige Organisationen treten in der Regel als Vermittler auf und senden Freiwillige in ihre ausländischen Partnerprojekte – ohne dabei einen finanziellen Gewinn zu erwirtschaften. Doch längst haben auch kommerzielle Veranstalter erkannt, dass VolunTourism eine kleine Goldgrube darstellt: Immer mehr Reiseagenturen wie Projects Abroad, Praktikawelten oder Travelworks bewerben auf ihren Webseiten Möglichkeiten, die Welt zu bereisen und sie gleichzeitig besser zu machen. Dabei appellieren sie bewusst an den Helfer-Anspruch ihrer zahlenden Kunden: Waisenkinder in Indien betreuen, in humanmedizinischen Projekten einheimischen Ärzten über die Schulter schauen oder Meeresschildkröten in Guatemala retten – die Beschreibungstexte der Projekte drücken ordentlich auf die Tränendrüse. „Du bist hauptsächlich dafür verantwortlich, die kleinen, süßen Meeresschildkröten zu retten“, heißt es beispielsweise im Projektkatalog von Praktikawelten. „Bringe die Eier an einen sicheren Ort, helfe den geschlüpften Tieren wohlbehalten ins Meer zu gelangen und bewahre sie so vor dem Aussterben.“ Bei dem achtwöchigen Retter-Trip für rund 1.360 Euro (ohne Flug) sind vier Wochen Sprachkurs gleich inklusive. Vorkenntnisse sind – glaubt man besonders den kommerziellen Anbietern – für die meisten Projekte nicht erforderlich. Das sehen viele gemeinnützige Veranstalter kritisch.

Workcamper machen sich zwar die Hände schmutzig, retten aber nicht die Welt (Quelle: Sarah Bressan)

Nadine Pantel vom IBG e.V. sagt über die zunehmende Konkurrenz kommerzieller Anbieter: „Das Problem ist, dass in diesen Unternehmen die Etats für die Öffentlichkeitsarbeit wesentlich größer sind und sie dabei in ihrer Werbung auch noch mit denselben Begrifflichkeiten arbeiten wie wir: Lerne für dich selbst, setze dich ein, engagiere dich. Für den Interessenten ist es unglaublich schwer zu unterscheiden, ob der Veranstalter ein kommerzielles oder gemeinnütziges Interesse verfolgt – das sieht man lediglich an den Preisen.“ Denn die privatwirtschaftlichen Anbieter arbeiten profitorientiert und sind daher in der Regel teurer. „Für die gemeinnützigen Organisationen wird es schwieriger, weil auch wir jedes Jahr mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müssen – da ist ein echter Markt entstanden und jeder buhlt um Teilnehmer.“

„Das Geld wandert in die falschen Taschen!“

Die ehemaligen Workcamp-Teilnehmerinnen Ramona Linder, Maria Slenczek und Bettina Schlüter waren alle mit gemeinnützigen Vereinen im Ausland und teilen ihre Meinung über die kommerzielle Konkurrenz: „Das Geld wandert definitiv in die falschen Taschen“, ist sich Ramona sicher. „Solange es gemeinnützige Organisationen gibt, würde ich immer sie unterstützen, weil da kein Gewinngedanke dahintersteht.“ Bettina bestätigt das. „Ich denke, dieser soziale Grundgedanke geht bei den kommerziellen Anbietern verloren. Die Projektpartner im Ausland fangen an, eine Bezahlung zu erwarten – weil sie mit den kommerziellen Partnern die Erfahrung machen, dass sie mit Workcamps Geld verdienen können. Dadurch wird aber der Austauschgedanke verdrängt“, bedauert sie. „Das Ganze rutscht sozusagen auf eine reine Geldgeber-Ebene, als Austausch nicht um des Austauschs willen, sondern aus Profitgründen.“

Workcamperin Maria Slenczek beim Unterrichten in einer Berufsschule in Ghana (Quelle: Maria Slenczek)

Auch für die Freiwilligen selbst sei ein Workcamp bei einem gemeinnützigen Veranstalter die bessere Wahl: Die Programme seien meist deutlich günstiger und der interkulturelle Austausch stehe im Mittelpunkt. Zudem sorgen gute gemeinnützige Vereine für eine pädagogische Begleitung und Vorbereitung der Workcamper. „Gerade was die Qualität angeht, würde ich empfehlen, zu einem gemeinnützigen Verein zu gehen – bei Kolping JGD ist zum Beispiel ein Vorbereitungsseminar für die Teilnehmer verpflichtend und zusätzlich wird ein Nachbereitungsseminar angeboten“, erklärt Bettina Schlüter. „Das ist ein echtes Qualitätsmerkmal, denn man muss den Dienst ja auch reflektieren und verarbeiten.“

Veränderte Wahrnehmung und globales Bewusstsein

Häufig wird bei kurzfristigen Engagements wie Workcamps in Abrede gestellt, dass der Freiwilligeneinsatz zu nachhaltigen Veränderungen – sowohl in den Projekten, aber vor allem auch im Bewusstsein der Teilnehmer – führt. Dabei bestätigen Studien wie  Internationale Workcamps und ihre Wirkung auf Teilnehmer aus dem Jahr 2007, dass sich die Wahrnehmung und die Einstellungen der Workcamper nachhaltig verändern: Nicht nur die Überzeugung, besser mit schwierigen Situationen umgehen zu können, steigt durch eine solche Erfahrung, sondern auch die Selbsteinschätzung, mit Menschen verschiedener Kulturen besser und leichter in Kontakt zu kommen. „In einem Workcamp lernt man schließlich die Lebensumstände fremder Kulturen kennen und erlebt sie hautnah, nicht nur von außen“, findet Ramona Linder. „Aber man muss realistisch bleiben – man macht es in erster Linie für sich selbst, für die Erfahrung. Es ist für mich einfach viel spannender und lehrreicher als ein 4-Sterne-Urlaub auf Malle!“

Workcamper und einheimische Arbeitskräfte auf dem Weg zum Feld (Quelle: Andrea Seubert)

Den Vorwurf,  die Freiwilligen würden lokalen Arbeitskräften die Arbeitsplätze streitig machen, will Simone Fuchs von Kolping JGD nicht gelten lassen: „Es ist nicht so, dass die Workcamper Aufgaben übernehmen, die andernfalls von Leuten vor Ort ausgeführt werden würden“, stellt sie klar. „Ich gehe sogar einen Schritt weiter und sage: Durch die Workcamps ergeben sich manchmal sinnvolle Projekte, die ohne die zusätzliche Arbeitskraft der Teilnehmer gar nicht erst zustande kämen. Die Workcamper sind ja hauptsächlich als Unterstützung gedacht, zum Beispiel in Schulen.“

„Es ist wichtig, so viel wie möglich zurückzugeben“

„Die Arbeit, die wir in Mexiko in der Ferienschule gemacht haben, hätten die Leute zwar zum Großteil auch ohne uns gestemmt, aber es war einfach eine schöne Erfahrung für die Kinder, weil sie selbst ja nicht problemlos herumreisen und andere Kulturen kennenlernen können“, fügt Ramona hinzu. Aus rein finanziellen Gründen entscheiden sich die Projektpartner in den Gastländern übrigens selten für eine Zusammenarbeit – zumindest bei den gemeinnützigen Organisationen wird meist nur die Verpflegung der Teilnehmer gedeckt, darüber hinaus fließen keine Gelder. „Wichtig ist, dass man als Teilnehmer versucht, so viel wie möglich zurückzugeben an die Gemeinschaft, damit der Auslandseinsatz nicht nur eine einseitige Wirkung hat“, sagt Ramona abschließend. „Ich finde, auf Workcamps zu verzichten und es einfach nicht zu tun, wäre auch nicht besser – oder?“

Hier finden Sie die Berichte von Ramona Linder, Bettina Schlüter und weiteren Workcamp-Teilnehmern über ihre Projekterfahrungen in Afrika, Großbritannien und Mexiko.

Auch der weltwärts-Dienst wird von Entwicklungsexperten kritisiert – mehr dazu lesen Sie hier.

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